September 2014 in Glauchau

Der gemeinsame Aussiedlertag in Glauchau September 2014

mit Begegnung und Workshop in der Jugendherberge Windischleuba,

Mitgestaltung des Gottesdienstes in der Kunigundenkirche Rochlitz

und Besuch der Ausstellung „eine starke Frauengeschichte“ in Schloss Rochlitz

1. Der Aussiedlertag in Glauchau 13.9.14

Insgesamt wurde der Aussiedlertag in Glauchau „sehr schön“, also positiv bewertet. Trotz Regen, Dunst und Niesel, war die Stimmung auf der Bühne, unter dem Regenschirm, den Zelten und in den Räumen sehr gut. Der Transfer zur Kirche funktionierte fließend und Russlanddeutsche sind geduldige Leute. Die Kirche war gefüllt.

Zum Bühnenprogramm war eine Torgauer Tanzgruppe extra mit Kleinbus angereist.

Es waren am Bühnenprogramm beteiligt:

Torgau: Tanz-Gruppe, Gruppe Schmidt, Chor: L.Koliber und Chor Harmonie/NW.

Deggendorf: Chor des Vereins „Mostik“,

Magdeburg: erstmals Einzeldarbietung Gesangsolo/Kind. (Bericht in „Volk auf dem Weg“)

Belobigt wurden die zweisprachigen Darbietungen. Die Wiedersehensfreude mit anderen Spätaussiedlern und Einheimischen und die Begegnungen waren das Wichtigste.

Originell war der beschriftete Flaschenöffner zum Mitnehmen. Die Mittagsversorgung o.k., die Warteschlange gab Gesprächsmöglichkeit.

Auf die Bemerkung: „Hier wird russisch gesprochen!“, konnte ich prompt auf Russisch antworten, und wir lächelten gemeinsam. Insgesamt gab es etwas weniger Angebote als im Vorjahr, aber es gab auch Ausweichmöglichkeiten auf die Angebote vorm Schloss.

Die Worte im Gottesdienst wurden verstanden, die verständlichen Beispiele waren interessant. Das Thema lebendige Brücke wurde durch Bildpräsentation an der Empore im Chorraum anschaulich. Die passenden Bibeltexte mit geistlichen Impulsen in den Predigtbeispielen von Bischof Bohl wurden verstanden und in den Begegnungen „zwischen Leuten“ erlebt. Ansprechend waren die ökumenische Präsens und die wohltuende Atmosphäre/Ruhe durch Liturgie und Musik. Gern kommt man 2015 wieder.

2. Anschließende Begegnung Deggendorfer, Torgauer, Magdeburger

mit Übernachtung in der DJH Windischleuba und Workshop,

evangelischer Gottesdienst in der Kunigundenkirche Rochlitz mit Beteiligung durch

Gesang, Kirchenführung,

anschließend Ausstellung „starke Frauengeschichten“ Schloss Rochlitz in Gruppen

Gemeinsamer Abschluss in der Petrikirche

2.1. Workshop DJH Windischleuba

Die Jugendherberge, ein romantisches Schlösschen war ein Ereignis. Für Ältere war die Wendeltreppe schwierig. Sie waren auch abends für einen Workshop zu müde. Die Einstimmung zum Workshop begann mit dem bekannten Lied, dass wir schon zur Mittagsandacht auf der Landesgartenschau Deggendorf gesungen hatten: „Lobe der Herrn, meine Seele und seinen heiligen Namen“. Frau Klein berichtete vom letzten Workshop in Deggendorf, um auch neuen Teilnehmern Anschluss zu geben. Es erfolgte die Gruppeneinteilung, und die Kinder beteiligten sich extra mit einem Theaterworkshop:

Ihre Präsentation wurde zum Renner des Abends. Sie spielten die Auswanderung Deutscher 1763 nach Russland, Zarin Katharina begutachtet die Ankommenden, und ebenso die Ankunft Russlanddeutscher nach 1990 in Deutschland, die von Bundeskanzlerin Merkel inspiziert wurden. Sie spielten ausgezeichnet, als hätten sie es gerade selbst erlebt, humorvoll und realistisch. Mischsprache: „Meine Imja Mascha …“ Sie haben super die emotionale Situation verarbeitet, wie sich die „Ihrigen“ fühlen. Damit ernteten sie großen Applaus.

Ergebnisse vom Erwachsenenworkshop Windischleuba:

Aufgabe: Wie geht es mir mit der Bezeichnung Aussiedler, Spätaussiedler, Russlanddeutsche oder…

Aussiedler meint Menschen, mit verschiedener Nationalität mit eigenen Rechten.

Spätaussiedler sind Deutsche aus den Folgestaaten der GUS mit ihren Angehörigen, die durch das Kriegsfolgenbereinigungsgesetz besonders ab den 1990 Jahren in Deutschland einreisten.

Zwischen Aussiedlern und Spätaussiedlern gab es materielle Unterschiede und in Bezug auf die Berufsanerkennung und Sprachförderung.

Die Begriffe sind Beschreibung sachlicher Tatsachen, die nichts über die innere Beziehung aussagen. Insofern ist es äußerlich und egal.

Der Begriff Russlanddeutsche gibt Auskunft über Herkunft, Verwandtschaft und Beziehungen, die das Leben ausmachen. Er wird wichtig für das Selbstverständnis und die Akzeptanz von Hiesigen.

Als Russlanddeutsche möchten sie „2 Kulturen pflegen, ihre 2 Sprachen sprechen“, so wie viele früher auch orthodoxe und evangelische Feste in Mischehen (heimlich) miteinander gefeiert haben.

Viele leben in „kompliziert verwobenen, differenzierten Familiengeschichten“, da sie durch Kriegsfolgen oder Liebe in andere Landesteile gekommen sind und sich an deren nationale Gewohnheiten mehr oder weniger anpassten. „Wir haben verschiedene Herkunft“. „Wir sind stolz, dass wir in Russland oder Kasachstan geboren sind“. „Heimat ist, wo du wohnst“, “Liebe ist stärker als Nationalität.“

Eine Gruppe zeichnet ein Bild:

„Links: Russland, rechts: Deutschland. Dazwischen wie eine Brücke, allerdings in der Mitte eine Lücke. Von links und rechts je ein dynamischer Pfeil, zur Mitte hin, „aufeinander zu“

Daraus folgen Aufgaben für die Zukunft, und das Engagement jedes Einzelnen ist gefragt. Welche Ideen und Taten haben Einheimische und Spätaussiedler, denen an Beziehung und Beheimatung hier in Deutschland liegen. Über welche Brücken können wir gehen? Wie wird die Brücke fertig?

Manchmal wollen „wir“ auch „unter uns sein“. Ist das ein resignierter Rückzug, weil sie oft erleben, dass sie wegen Äußerlichkeiten und Unwissenheit von Einheimischen abgelehnt werden? Oder ist es nicht viel mehr das Bedürfnis unter seinesgleichen als Mensch unter Menschen verstanden zu werden und sich nicht dauernd erklären zu müssen!!!

„Die Sprache (beide Sprachen!) stehen im Mittelpunkt für Verstehen. Sie ist Träger der Kulturen und deren Erhaltung für kommende Generationen.“ Zweisprachigkeit der Kinder ermöglicht, die Geschichten der Älteren zu verstehen und aus den eigenen Wurzeln zu leben.

Der Begriff ethnischer Deutscher wurde andiskutiert. Die Sprachmächtigkeit ist ein wichtiger Faktor für die Teilhabe in der Gesellschaft und für die Bildung. Hieraus ergibt sich auch eine unterschiedliche Teilhabe der Generationen in Deutschland. Dieses Thema konnte aus Zeitgründen nicht mehr aufgearbeitet werden. Dazu gibt es weiterführende Literatur …

2.2. Gottesdienst in der Kunigundenkirche Rochlitz

Die Kirchengemeinde hatte unsere Ankunft sorgfältig und umsichtig vorbereitet. Älteste standen schon bereit, um in Gruppen vor und nach dem Gottesdienst durch die Kirche zu führen und ihre Geschichte und Bedeutung der Bilder zu erläutern. Die beiden Chorgruppen „Mostik“ und „Harmonie“ hatten abends und morgens geübt und nun auch in der Kirche die Akustik und Aufstellung geprobt. Das war für alle zum ersten Mal. Sie sangen zum ersten Mal gemeinsam, und zwar geistliche Lieder.

Ihr Gesang war wie eine Neuschöpfung, innig, klar, überzeugend, ehrfürchtig, glückselig, frisch, … Die frohe Botschaft der Lieder erfüllten den Raum. Alle Lieder wurden mit reichem Applaus der Gemeinde gekrönt.

Lobe den Herrn meine Seele, Laudate omnes gentes, Seligpreisungen. Dank an Pfr. Quaas!

2.3. Ausstellung Schloss Rochlitz „starke Frauengeschichte“ – Frauen der Reformation.

Mindestens eine Gruppe wurde zweisprachig geführt. Das multimediale Angebot fesselte die Aufmerksamkeit. Das Thema stieß auf großes Interesse. Der Gegenwartsbezug kam immer wieder zur Sprache. Thesenblätter zum Mitnehmen ermöglichen uns Weiterarbeit am Thema.

2.4. Geistlicher Abschluss in der Petrikirche

Nach der erlebnisreichen Ausstellung, die auch Kraft abforderte, war die Sammlung in der Kirche zur Verabschiedung günstig.

Eine alte Kirchenführerin erzählte vom Schicksal ihres Vaters, der durch die Kriegswirren im Lager Mühlberg umgekommen war. Sie beschenkte einige von uns mit Blumen. Ihre Freundlichkeit trotz der Kindheitserinnerungen beeindruckte unsere Gruppe.

In der Andacht sangen wir als Überleitung von den Frauen der Reformation ein Lied von Elisabeth Cruciger: „Herr Christ der einig Gotts Sohn“ (EG-Liederkunde: von der Nonne zur Ehefrau des Theologieprofessors in Wittenberg 1524). Sie wurde zur ersten Liederdichterin der Evangelischen Kirche.

Zum Reisesegen sangen wir nach gefüllten und erfüllten Tagen: Laudate omnes gentes.

3. Was ist 2014 anders:

– Es sind fast keine Einheimischen dabei. Das lag bei uns daran, dass die Septembertermine schon im Mai anders verplant waren.

– Es wurde ein Kinderprogramm bereitgehalten.

– Es wurden im Vorfeld Lieder für gemeinsames Singen an die Chöre verteilt.

– Das Treffen fand in einer für beide Seiten fremden Umgebung statt.

– In der Evangelischen Akademie Lutherstadt Wittenberg haben Torgauer und Magdeburger zum Thema „Frauenbild in der SU, Russland und Deutschland früher und heute“ gearbeitet. Dadurch gab es eine hohe Motivation, die Ausstellung „eine starke Frauengeschichte – Frauen der Reformation“ auf Schloss Rochlitz zu besuchen. Der Impuls dazu kam aus Deggendorf. Die beeindruckende Ausstellung wurde in Deutsch geführt und Russisch und Englisch übersetzt. Die multimediale Aufbereitung war vermittelnd und ansprechend. Die mitgenommenen Flugblätter könnten Einstieg zur Weiterarbeit werden.

– Beide Chöre haben gemeinsam zum ersten Mal geistliche Lieder im Gottesdienst gesungen und überschwänglichen Beifall von der einheimischen Gemeinde in der Kunigundenkirche Rochlitz geerntet. Das war ein eigener, neuer Klang, der überzeugte.

– Darum wollen sie/wir gemeinsam nächstes Mal zum Aussiedlertag in Schneeberg auf der Bühne singen.

– Infolge wurde die Chorgruppe Torgau für die Mitwirkung im Gottesdienst der evangelischen Gemeinde zur Interkulturellen Woche angefragt. Auch singt die Gruppe am 24. Dezember 2014 in der Christvesper in der benachbarten Dorfkirche Welsau zwei selbst ausgewählte evangelische Choräle, u.a. „Ich steh´ an deiner Krippen hier“. Auch zur Nachweihnachtsfeier bei uns und zum Bischofsbesuch zum Gemeindeabend kamen sie wieder.

– Für die Vorbereitung Schneeberg wurde ein Quartier im Ferienlager Kiez am Filzteich gefunden. Aufgrund der exponierten Lage nahe der Stadt und am Wasser können gezielt Familien eingeladen werden.

– Im Anschluss an den Aussiedlertag in Glauchau war das Jugendtheater in Windischleuba zur Geschichte der Aus- und Einwanderung der Deutschen meisterhaft und überzeugend und lässt auf ein neues Theaterprojekt in Schneeberg hoffen.

– Da ich jetzt im Ruhestand bin, muss die Eigenfinanzierung jeder selbst klären.

– Für die Vorbereitung Aussiedlertag Schneeberg sollen wieder Einheimische geworben werden. Lassen sie sich durchmischen – wollen sie zusammenleben, oder erstmal aus dem sicheren Abstand heraus Kontakt aufnehmen …?

– Wir haben gehört, was Deggendorfer bei uns gut finden: … die weiten Felder, und dass man hier leichter russische Sprache lernen kann und manche noch etwas aus der Schulzeit behalten haben und sprechen.

– Es ist zu klären, ob die Situation der Ukraine, die viele Familien auch hier berührt, zur Sprache kommen soll, oder ignoriert wird, oder wie wir in geeigneter Weise darauf zu sprechen kommen. Verdrängen ist genauso schlecht, wie das Aufbrechen alter Ängste und Konflikte … aber die Familien müssen mit ihrer Zerrissenheit leben …? Können Russlanddeut-sche und Russen und Ukrainer füreinander beten? Wie kann unsere Begegnung zur Befriedung aller beitragen …

– Evangelische Kirche ist christozentrisch, weltoffen, menschenfreundlich und nicht nationalistisch.

Ausblick:

Wenn wir uns als von Gott geliebte Mitmenschen gegenseitig annehmen, kann Verstehen, Vertrauen und Glaube wachsen und die Lust, uns gemeinsam hier in Kirche und Gesellschaft zu engagieren.

Zum Schluss bemerke ich, dass ich selbst zum Ende hin, immer mehr vom „sie“ und „ihr“ zum „WIR“ finde. Es freut mich, weil es zeigt, wie der Prozess der Begegnungen Früchte trägt.

AUTOR: Christine Rothe