Partizipation

Partizipation und gerechte Teilhabe

„Der Begriff der Partizipation hat seinen Ursprung im Lateinischen „participare“ und meint im wörtlichen Sinne Teilnahme und Teilhabe“. (Pluto, 2007, S.16)

Die Teilnahme-Strategien beruhen in ihrem Kern auf dem „Top-down“ – Modell. Das heißt, die Probleme und Ziele werden nicht von den Betroffenen, sondern im Wesentlichen von ExpertenInnen identifiziert und definiert.

Die Teilhabe beruht dagegen auf sogenannten „Bottom-up“ – Strategien. Ausgehend von ihren individuellen Bedürfnissen, Problemen und spezifischen Ressourcen übernehmen in diesem Ansatz die Betroffenen, entsprechend ihrer Fertigkeiten und Kompetenzen, von Anfang an Verantwortung für das weitere Vorgehen.“ (Lenz, 2006, S. 13)

Unter Partizipation verstehen Rosenbrock und Hartung, die individuelle Teilhabe oder auch eine gemeinsame, kollektive Teilhabe an Entscheidungen, die das eigene Leben, die eigene Gesundheit, die eigene soziale, ökonomische und politische Situation betreffen. Damit eine Teilhabe gelingen kann, müssen immer zwei Bedingungen gegeben sein, zum einem die Gelegenheiten dazu und zum anderem die Nutzung dieser Gelegenheiten. Diese Beiden Bedingungen sind voraussetzungsvoll. Wichtig ist vor allem, dass die Einen – Teilhabenden auch den Anderen – Teilnehmenden die Chance auf Teilhabe eröffnen. Sie müssen also etwas abgeben, vor allem Macht und Entscheidungsfreiheit. (vgl. Rosenbrock / Hartung, 2012, S. 9)

Das Stufenmodell der Partizipation

Dieses Modell soll in der Praxis die Herausforderung einer kritisch reflektierten Professionalität zeigen. So kann zugleich Mithilfe des Stufenmodells geklärt werden, inwieweit die Beteiligung der Menschen aus einer bestimmten Zielgruppe stattfindet.

Selbstorganisation

über Partizipation hinaus

Entscheidungsmacht

Partizipation

Teilweise Entscheidungskompetenz

Mitbestimmung

Einbeziehung

Vorstufen der Partizipation

Anhörung

Information

Anweisung

Nicht-Partizipation

Instrumentalisierung

Abbildung: Das Stufenmodell der Partizipation nach Wright/Blok/von Unger, 2012, S.96

Beschreibung des Stufenmodells

Die Ebene der Nicht-Partizipation schließt zwei Stufen ein.

Stufe 1 – Instrumentalisierung: Die Belange der Zielgruppe spielen hier keine Rolle. Die Entscheidungen werden von den Entscheidungsträgern außerhalb der Zielgruppe getroffen.

Stufe 2 – Anweisung: Die Situation der Zielgruppe wird durch die Entscheidungsträger wahrgenommen. Die Probleme der Zielgruppe werden definiert und die entsprechenden Maßnahmen zur Umsetzung festgelegt. Die Meinung der Zielgruppe wird dabei nicht berücksichtigt.

Bei den Vorstufen der Partizipation geht es um eine Einbindung der Zielgruppe in die Entscheidungsprozesse.

Stufe3 – Information: Die Entscheidungsträger informieren die Zielgruppe, welche Probleme die Gruppe aus ihrer Sicht hat und welche Hilfen sie benötigen. Verschiedene Handlungsmöglichkeiten werden demzufolge der Gruppe empfohlen.

Stufe 4 – Anhörung: Interesse des Entscheidungsträgers über die Zielgruppe findet anhand eines Fragebogens oder Gespräches statt, um die Situation und die Sichtweise der Zielgruppe in Erfahrung zu bringen.

Stufe 5 – Einbeziehung: Die Entscheidungsträger lassen sich von ausgewählten Personen aus der Zielgruppe informieren oder beraten, dies hat jedoch keinen verbindlichen Einfluss auf den Entscheidungsprozess.

In der „echten“ Partizipation wird der Zielgruppe die Entscheidungsfindung beigemessen.

Stufe 6 – Mitbestimmung: Für die Abstimmung einer Maßnahme halten die Entscheidungsträger eine Rücksprache mit den Vertretern der Zielgruppe. Die Zielgruppenmittgliedern haben ein Mitspracherecht, jedoch keine alleinige Entscheidungsbefugnis.

Stufe 7 – Teilweise Übertragung von Entscheidungskompetenz: Einige Aspekte einer Maßnahme können von der Zielgruppe selbst bestimmt werden. Sie bekommen dabei die notwendige Unterstützung, doch die Verantwortung liegt beim Entscheidungsträger.

Stufe 8 – Entscheidungsmacht: Die Zielgruppe bestimmt alle notwendigen Schritte einer Maßnahme selbst. Dies geschieht im Rahmen einer gleichberechtigten Partnerschaft zwischen den Mitgliedern der Zielgruppe und anderen Akteuren.

Die letzte Stufe des Modells geht über die Partizipation hinaus und umfasst alle Formen der Selbstorganisation der Zielgruppe.

Stufe 9 – Selbstorganisation: Eigene Maßnahmen werden von Mitgliedern der Zielgruppe selbst initiiert und durchgeführt. Die Entscheidungen werden von der Zielgruppe selbständig getragen, sowie die Verantwortung für die Maßnahme. Diese können formell (z.B. als Verein) oder informell (z.B. als Aktion von Gleichgesinnten) organisiert werden. (vgl. Wright, 2012, S. 96-98)

Hindernisse der Partizipation

Die Ausübung der Partizipation kann in bestimmten Bereichen zu Hindernissen führen.

Zum einen gibt es Hindernisse im Bereich der persönlichen und professionellen Grenzen.

Für viele bedeutet es eine große Umstellung, Menschen aus einer bestimmten Zielgruppe nicht defizitär, sondern als kompetente Mitmenschen wahrzunehmen. Diese Umstellung ist das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, der nur durch eine reflektierte Fachlichkeit erreicht werden kann.

Zum anderen existieren Hindernisse im Bereich der Grenzen von Menschen aus einer bestimmten Zielgruppe. Die Voraussetzung für den partizipativen Ansatz ist, dass Menschen aus der bestimmten Zielgruppe das Selbstbewusstsein und die Durchsetzungsfähigkeit haben. Sie sind auch in der Lage, ihre Interessen zu formulieren und zu vertreten. Doch bei vielen sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen müssen diese Fähigkeiten erst geweckt und gefördert werden, um an Mitbestimmungs- und Mitwirkungsprozessen teilnehmen zu können. (vgl. Wright, 2012, S. 99-100)

Chancen der Partizipation und interkulturelle Öffnung

Hella von Unger ist der Meinung, dass grundsätzlich mehr Personen mit Migrationshintergrund hauptamtlich beschäftigt werden sollen. Dadurch können die Prozesse der interkulturellen Öffnung der Einrichtungen, als Teil eines übergreifenden Diversity-Ansatzes, vorangetrieben werden. Damit erhöhen sich die Chancen, dass weitere Personen mit Migrationshintergrund auf verschiedenen Stufen der Partizipation beteiligt werden können. (vgl. von Unger, 2012, S. 258)

Literatur

Lenz, A. (2006). In: (Hg) Seckinger, M.. Partizipation – ein zentrales Paradigma. Analysen und Berichte aus psychosozialen und medizinischen Handlungsfeldern. Fortschritte der Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung. Band 13. Verlag: Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie, Tübingen.

Pluto, L. (2007) Partizipation in den Hilfen zur Erziehung. DJI

Rosenbrock, R. / Hartung, S.(2012). Handbuch Partizipation und Gesundheit. Verlag: Hans Huber

Seckinger, M. (2006). Partizipation – ein zentrales Paradigma. Analysen und Berichte aus psychosozialen und medizinischen Handlungsfeldern. Fortschritte der Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung. Band 13. Verlag: Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie, Tübingen.

von Unger, H. (2012). In: (Hg) Rosenbrock, R. / Hartung, S.. Handbuch Partizipation und Gesundheit. Verlag: Hans Huber

Wright, M.T. (2012). In: (Hg) Rosenbrock, R. / Hartung, S.. Handbuch Partizipation und Gesundheit. Verlag: Hans Huber

AUTOR: Anna Zitlau