Notizen der Workshops, und der
Schluss-Auswertung in Deggendorf

Die Workshops wurden ausgezeichnet durch die Deggendorfer Spätaussiedlergruppe, Verein Mostik e.V. und ihrem engagierten Pfarrer Gottfried Rösch vorbereitet. Es wurden sieben Gruppen gebildet mit mindestens 8-10 TeilnehmerInnen. Die Gruppen wurden gut gemischt: (Los-Zettel beim Eintritt) d.h. generationsübergreifend, im gerechten Anteil Spätaussiedler ost-west und Einheimische ost-west und ebenso Magdeburger, Torgauer, Deggendorfer. Dadurch wurde die Vielfalt der Meinungen in jeder Gruppe repräsentiert. Durch die unterschiedlichen Erfahrungen und Beiträge entstand neuer Gesprächsbedarf. Es öffneten sich Welten und die Herzen der Menschen. Alle waren authentische Zeitzeugen, haben verschiedene Migrations- und Integrationserfahrungen mitgebracht und in der Gruppe gegenseitigen Respekt und Teilhabe (Inklusion) erlebt. Bis auf eine Gruppe haben alle zu den 3 vorgelegten Fragen eine Gruppenmeinung gesucht. Die eine Gruppe wurde in ihren differenzierten Aussagen protokolliert und vorgetragen. Die drei Fragen waren:

1) 20 Jahre nach der Zuwanderung – 2) Kirche? – 3) eigene Veränderungen, Glaube

Frage 1: 20 Jahre nach der Zuwanderung:

Für die einen (SpA):

Wie haben wir uns eingelebt?

Fühlen wir uns zu Hause?

Gehören „wir“ zusammen?

Für die anderen (Hiesigen):

Wie haben wir die Zuwanderung erlebt?

Was hat sich verändert?

Gehören „wir“ zusammen?

(SpA)

Die meisten fühlen sich in Deutschland, in ihrer Stadt zu Hause, auch wenn der Anfang schwer war.

Sie haben Hilfe bekommen, einheimische Freunde gefunden, sich hier gut eingelebt. Danke.

Einer erinnert noch an Sprachprobleme, und an die „verlorene“, die mittlere Generation, die in den Neuen Bundesländern nicht genügend Arbeit fand, aber Zukunftshoffnung bleibt.

Für einen ist Russland immer noch die Heimat- es sind noch Verwandte dort, und er hat sich hier noch nicht so gut eingelebt.

(Hiesige)

Ältere Einheimische entwickeln aus eigenem Erleben von Flucht und Vertreibung als Kind Mitgefühl, Verständnis und Hilfsbereitschaft und schenken Gemeinschaft. (Torgau)

Mischehen in der eigenen Familie öffnen das Verständnis füreinander.

Probleme mit der Integration in ein anderes Dorf / Stadt gibt es auch innerhalb Deutschlands.

Ein junger Bayer mit russischem Vornamen pflegt Kontakte nach Russland und lernt die schöne Sprache. Sein Vorname wird ihm zum Problem. Er erlebt seine Gesellschaft relativ verschlossen gegenüber Russlanddeutschen.

Gehören „wir“ zusammen?

In einer Gruppe sagen 5 Leute nein und 1 Ja. In einer Gruppe sagt eine Zugewanderte: „Ich fühle mich hier zum Volk zugehörig.“ 3 Leute sehen hier ihre Zukunft. Hatten andere Gruppen für die Frage keine Zeit mehr oder ist sie zu heikel?

Offenbar gibt es noch viel zu tun, bis wir „wir“ sagen, solange jeder lieber „unter sich“ ist.

Frage 2: Wie haben wir dabei Kirche und Gemeinde erlebt?

Die evangelische Gemeinde in Deggendorf besteht zu 70% aus Spätaussiedlern. Kirche und Gemeinde sind ein wesentlicher Integrationsfaktor:

„Zuerst spürten wir große Unterschiede, jetzt sind wir aufgenommen und zusammengewachsen.“

„Die Gemeinde hat uns aufgefangen und unterstützt. Ich habe das Gefühl, dass wir wie Brüder und Schwestern sind. Angebote werden gerne angenommen, gerade auch die Kinder- und Jugendarbeit. So gibt es eine positive Einstellung, aktive Beteiligung und Zufriedenheit mit der Kirche.“ Es gab auch die Erinnerung an den heimlichen Glauben der Großeltern in der SU, der getragen hat. Daran knüpften sie hier an.

Andere, vermutlich aus den neuen Bundesländern, gestehen, dass sie atheistisch erzogen worden sind, oder später orthodox wurden, aber 50 km bis zur nächsten Kirche erschwerte es, den Glauben auch zu leben.

In Torgau haben viele erst die Neuapostolische Gemeinde kennengelernt, ehe sie von der evangelischen Kirche erfahren haben.

In Magdeburg schickte die Domgemeinde Leute zur SELK.

„ich glaube nicht, …aber Atheist bin ich auch nicht, aber wenn, dann gibt es nur einen Gott (wurde von 3 weiteren in der Gruppe unterstützt), es ist der gleiche Gott, der die Konfessionen verbindet.“ Ein anderer: „Religion war nicht relevant. Wir sind auch kirchlich eine verlorene Generation.“ „Die evangelische Kirche tut viel für Aussiedler.“

„In der DDR hatten wir als Christen auch Probleme, z.B. in der beruflichen Laufbahn.“

„Kirche ist eine gute Sache.“

Diese Aufzählung zeigt die Ehrlichkeit, mit inneren Überzeugungen umzugehen.

Suchbewegung, Erinnerung zur Anknüpfung an Kirche, Bekenntnis- und Entscheidungsfindung so oder so. Diesen Freiraum und Prozess in der Kirche zu erleben und zu begleiten ist ein unwiederbringlicher Schatz, eine Chance, die wir als missionarische Kirche nicht verspielen dürfen. Sie leben von unserer menschlichen Zuwendung, von unserer Überwindung menschlicher Vorurteile, dass sie auch nach 70 (40) Jahren noch Chancen haben, sich selbst frei zu entscheiden, wohin sie gehören wollen. Dazu müssen sie aber erst einmal zum Kennenlernen kommen dürfen und Unterstützung dazu erhalten.

Neue Arbeitsfragen entstehen:

Welche Rolle spielt das kirchlich geprägte Umfeld, um wachsende Kirche zu sein?

Haben wir in Ost und West als Kirche ein unterschiedliches Erscheinungsbild, oder müssen wir uns mehr gedulden, weil Kirche nach 40 Jahren DDR-Geschichte noch nicht wieder „in“ ist? Bildungsarbeit, Kirchengeschichte und Konfessionskunde tun Not.

Suchende begleiten ist auch sinnvoll, wenn sie finden wollen. Was ist es um die Ökumene …

Neue Zersplitterung in eigene Kirchenbildung ist auch nicht erstrebenswert, wie es z.B. Neugründungen von russlanddeutschen Baptistengemeinden gegeben hat, oder? Vielleicht ist es besser als ständiger Streit oder gegenseitiges Kritisieren oder „Mit-dem-Finger-Aufeinander-Zeigen“.

Selbstbeobachtung: In der Draufsicht des Berichtens, oder als Verteidigerin der Russlanddeutschen gebrauche ich selbst „sie“. Im Erlebnisbericht gemeinsamer Aktivität finde ich das „wir“ – also es findet sich immer wieder im Prozess, im Zusammenleben.

Frage 3: Wie habe ich mich in dieser Zeit verändert? Meine Persönlichkeit? Wie hat sich mein Glaube verändert?

„äußerlich viele Veränderungen: Umzug, Kleidung, Sprache, andere Leute, Beruf, Umgebung, Lebensrhythmus, Speisekarte“

„Positive Veränderungen: wir können helfen, sind angstfreier, offener, selbstbewusster, gereift, bodenständig; die gute Umgebung hat uns zum Guten verändert; ich bin freundlicher geworden, das Leben hier hat mich glücklicher gemacht, weil es anders ist. Wir sind ruhig.

Fühlen uns sicher, in der Zukunft versorgt, offen, leben ohne Angst.“

„Je älter man wird, desto mehr denkt man an früher“.

„Wir müssen auch die Gefahren der anderen Gesellschaft beachten.“

Fazit: Die positive Lebenseinstellung überwiegt.

Auf welche Gefahren sollten „wir“ „sie“ aufmerksam machen und Unterstützung geben? Was meinen „sie“ konkret? Politisch, wirtschaftlich, freiheitlich tolerant sein und Grenzen kennen?

Auch in Bezug auf das Glaubensleben lässt sich eine positive Entwicklung zeigen:

„Glaube vertieft“ (mehrfach), „ich brauche Gott, um hier froh zu sein“ (mehrfach)

„Der Glaube hat mich immer getragen“- also Konstante im Leben.

Alle haben sich verändert: „weiter aufeinander zugehen in Ost und West“, „miteinander reden, singen und beten“

„alle haben atheistischen Glauben geändert: bleiben im orthodoxen Glauben (selbst), oder fanden zu den Neuapostolischen (Torgau)“

oder haben „als Atheist im Westen zu den Evangelischen“ gefunden, wieder andere

„dort waren wir Kommunisten … hier leben wir ohne Kirche und Religion“.

Fazit:

Glaube bewegt sich zwischen Bekennen und Anpassen an die jeweiligen Verhältnisse: Im Osten gibt es keine christliche Mehrheitsgesellschaft. Dadurch fehlt Motivation und man bleibt wie man ist. Es sei denn, es gibt überzeugte Leute, die im Glauben leben, ihn ihnen erklären können, und auf die Gemeinschaft Lust machen. Dabei helfen gemeinsame schaffbare Aufgaben, um gegenseitige Wertschätzung zu erfahren. Überzeugte, glaubende und dankbare Deggendorfer haben auch unsere Leute zu mehr Offenheit und Engagement motiviert, s.u..

Ergebnisse der Gesamtauswertung in Deggendorf 18.5., 11 Uhr

anwesend: Gruppe gemischt aus: Gottesdienstbesucher, Chor-Mostik, Verein Mostik, Pfr. Hans Greulich. Gästegruppe: SpA Torgau/Magdeburg, Kleingruppe Einheimische Torgau, ca. 50 Personen, Pfrin. Christine Rothe, Protokoll: Elena Klein

atmosphärisch dicht bis euphorisch, tief berührt nach dem Gottesdienst, starkes Gemeinschaftsgefühl, konzentriert, gut gemischt, vielseitige Beiträge …

Impuls von Christine Rothe: Wir haben im Gottesdienst von Begegnungen auf dem Weg gehört, die entscheidend für den weiteren Lebensweg wurden. Unsere Begegnungen der letzten 2 Tage und wie weiter – Perspektive …!?

– Zweisprachigkeit im GD war hilfreich; insgesamt alle Erwartungen weit übertroffen:

– Vesper nach Byzantinischem Ritus im Kloster Niederaltaich, die Übernachtung und Gemeinschaft in den Familien in Deggendorf, Bewirtung mit russischer Küche – Plow, Gastfreundschaft, gemeinsames Singen im Gemeindehaus und auf der Landesgartenschau die Mittagsandacht; die Gespräche …

– Dank an die Großeltern, die den Glauben unter Schwierigkeiten weitergegeben haben!

– Einheimischer aus Torgau erkennt: Deutsche aus Russland kommen nach Deutschland – wir müssen mehr „wir“, statt „ihr und wir“ sagen.

– Russlanddeutsche können uns (Einheimischen) helfen, den deutsch-deutschen Gesprächsfaden der kirchlichen Partnerschaften vor der Wende heute wieder aufzunehmen.

– Die Mischung Einheimische und Russlanddeutsche ist für die Gesprächsvielfalt wichtig.

– Die Sichtweise des anderen, wie ich auf ihn wirke, kann Korrekturhilfe und Ermutigung sein.

– Schön, dass wir Russlanddeutschen nicht nur unter uns waren.

– Wir russischen Ehepartner haben immer zu unseren deutschen Ehepartnern gehalten und tun es auch hier.

– Es wurden viele neue Kontakte geknüpft (Torgau-Magdeburg-Deggendorf-Chorgruppen)

– Ich habe ganz viel positive Energie bekommen (allgemeine Zustimmung).

Ziele:

– Nächste Begegnung Aussiedlertag in Glauchau 13.9.2014

– Es sollen mehr Kinder (gemischt) mitfahren und für sie, bzw. mit ihnen ein Workshop vorbereitet werden.

– Der Erwachsenenworkshop: Begriff „Spätaussiedler“. Problematik: Menschen nicht über ihren Status oder Gruppe als Schicksalsgemeinschaft zu definieren, fixieren und auszuschließen, sondern als Mensch unter Menschen ernst zu nehmen, anzunehmen und wertzuschätzen.

Selbst wenn wir keinen geeigneten Namen finden, stärkt das Gespräch das Selbstbewusstsein.

(verworfene Versuche: Heimkehrer, Neu-Deutsche, …)

Dankapplaus an die engagierte Deggendorfer Gemeinde:

Die nachfolgende Begegnung in Glauchau/Windischleuba/Rochlitz zeigt, dass sich was tut im Leben und Glauben, wenn man ihn unbefangen in der Kirchengemeinde erleben darf.

AUTOR: Christine Rothe