Mai 2014 in Deggendorf

16.-18. Mai 2014 gab es in Deggendorf eine Begegnung Deggendorf-Torgau-Magdeburg, es trafen sich (Spät-)Aussiedler aus Ost und West, und Einheimische/Hiesige/Inlanddeutsche.

Einerseits gab es Punkte der Überwindung von Vorurteilen, andererseits war eine große Offenheit, Neugier und Betroffenheit für alle unterschiedlichen Beiträge zu spüren.

Was man früher verschwiegen hätte, kam zur Sprache und wurde mit warmen Herzen aufgenommen und mit offenen Ohren gehört.

Alles hatte im geschützten Raum seinen Platz, wie auch jedeR TeilnehmerIn mit eigenen Erlebnissen der unterschiedlichen Biografien. Die Eindrücke regten an und wollten verarbeitet werden. Ergebnis war der Wunsch zur Weiterarbeit durch Workshops zu Themen:

Neues Wort für Spätaussiedler suchen, Begegnung vertiefen. In Erinnerung an den Torgauer Aussiedlertag 2013 wurde der nächste gemeinsame Aussiedlertag in Glauchau/Sachsen im September 2014 für eine erneute Begegnung vorgeschlagen.

1. Vorurteile der Gruppe aus Torgau/Magdeburg auf der Hinfahrt und ihre Auflösung

Gemeinsam schauten wir das geteilte Grenzdorf Mödlareuth an. Betroffenheit und Erinnern von Drucksituationen und auseinandergerissener Familiengeschichten einerseits, und strahlende Gesichtern für Fotos vor Grenzanlagen und militärischen Anlagen und Fahrzeugen andererseits. (Manche erinnerten sich an ihre eigene Soldatenzeit)

Je näher wir Deggendorf kamen, je ruhiger wurde die Busgesellschaft und je verschlossener ihre Gesichter:

– Wir wollen nicht privat übernachten! (warum? Schamgefühle, Angst ?)

– Im Westen ist es staubig! Unausgesprochen: Da lauert der Feind (Faschismus und Neonazis)!

Die Spannung auf den Gesichtern löste sich:

– Eine Führung durchs Kloster Niederaltaich auf Russisch und die Teilnahme an der byzantinischen Liturgie dort in der Nikolaus-Kapelle in russischer Sprache übertraf alle Erwartungen und brach das Eis. Es gab genug Zeit, um selbst die byzantinisch-orthodoxen Gebetskerzen aufzustellen. (Nur wenn ich die Sprache verstehe, kann ich Neues aufnehmen, um mich selbst zu entscheiden, wohin ich gehören will.)

Am nächsten Morgen:

– Nach der Übernachtung bei Deggendorfer Familien kamen alle beschwingt, mit fröhlichen Gesichtern durch die Eingangstür ins Gemeindehaus. Durch die Nachtgespräche war das Schweigen gebrochen.

– Die Workshops in gemischter Zusammensetzung mit offenem und ehrlichem Austausch in guter Atmosphäre ließen aufatmen.

– Das gemeinsame Essen russischer Speisen, und gemeinsames Musizieren öffnete die Herzen und jedeR fühlte sich in guter Stimmung, wie zu Hause.

2. Unausgesprochene Probleme:

Nach dem Besuch der Landesgartenschau haben wir uns auf dem Markt getroffen. Dort war eine blühende Europakarte gepflanzt. Aus der Krim war die ukrainische Pflanze herausgerissen und durch eine aus Russland herausgerissene Pflanze ersetzt. Manche ließen sich davor fotografieren. KeineR hat dazu etwas bemerkt bzw. angemerkt oder Gefühle geäußert.

Bei einem letzten Vorbereitungsgespräch vor der Fahrt, mit drei Spätaussiedlerinnen, hatte ich noch im Gehen auf dem Flur gefragt, ob jemand was Neues von der Ukraine weiß. Da ging plötzlich auf der Treppe beim Hinabgehen ein Geschrei los, wer denn Schuld ist im Konflikt, und wer der Feind sei, und wer Recht habe und siegen solle. Mein Nachrufen, dass ich dieses Gezänk satt hätte, bewirkte, dass diese schon angemeldeten Frauen nicht mitkamen.

3. Voranbringende Erkenntnisse, Gefühle, Ziele, Pläne:

(siehe auch die „Notizen vom Besuch in Deggendorf“)

– Keine Angst vor verschiedenen Meinungen, die Geschichte hervorbringt. In gegenseitiger Respektierung, Wertschätzung und Gespräch relativiert sich vieles an Fremdwahrnehmung oder Spiegelung auch zum Guten.

– Der Chorklang des Deggendorfer Chores entsprach nicht sowjetischen Heroismus, wie aus DDR-Zeiten bekannt, oder von Aussiedlertagen im Ohr, sondern war wohltuend natürlich, menschlich, gelöst, warm, beseelt.

– Die Vorstellung des Vereins „Mostik“ und seine Brückenfunktion im wahrsten Sinne des Wortes waren durch die Art und Weise der Begleitung durch die Deggendorfer gelungen und zugleich Anregung, wie wir bei uns das Bild von der Brücke für unsere Kommunikation aufnehmen.

– Auffallend und beeindruckend war die respektvolle und dankbare Erzählung mit Verneigung (in orthodoxer Geste) vor den Vorfahren, die in schwerer Zeit den Glauben bewahrt haben, der sie gleichfalls hindurch getragen hat. Sie fühlen sich in der ursprünglichen Heimat, aus der die Vorfahren ausgewandert sind, wieder angekommen und zu Hause. Das erleben unsere Leute (östlich) hier oft anders, immer noch fremd, zumal es nicht ihr ursprüngliches Auswanderungsgebiet ist.

– Ebenso hat man hier schnell gemerkt, dass die Kirchenzugehörigkeit für ein Fortkommen in der Gesellschaft nicht ausschlaggebend ist.

– Die Begegnung in Deggendorf hat die Sicht aufeinander ermöglicht, korrigiert, verbessert und die Verbundenheit miteinander ermöglicht bzw. gestärkt.

Sie hat den Wunschs zur Weiterarbeit am Thema – Teilhabe (Integration) und neue Suche Wortfindung für die Bezeichnung „ Spätaussiedler“– zum Ziel der nächsten Begegnung dem Aussiedlertag Glauchau gesetzt.

Nachwirkung in Torgau: Anhaltende gute Stimmung, Bildersammlung, Nachtreffen mit Fotoshow.

Die bisher eher zurückhaltende Chorleiterin einer Torgauer Gruppe, mit damals geringer Sprachkompetenz in Deutsch, bekommt eine Stelle in der evangelischen Kirche und studiert die Lieder, die wir auf der Landesgartenschau in der Mittagsandacht gemeinsam sangen, mit ihrer Torgauer Chorgruppe ein. Sie nimmt an einem Sprachförderkreis teil und verbessert ihre Sprechfähigkeit. Sie bereitet die Teilnehmerwerbung für den Aussiedlertag Glauchau vor.

Eine kleine Gruppe trifft sich zu Bibelstudium und Andacht im Stadtteiltreff. Sie sammelt mit zweisprachigem Material eine wöchentliche Kinderstunde im Stadtteiltreff.

AUTOR: Christine Rothe