Impulse für Deggendorf

Ein paar Worte darüber, welche Formen, meiner Sicht nach, die Integration hat. Ihr Leben in Deutschland gestalten die Aussiedler ganz verschieden, und das ist auch von der Motivation der Ausreise abhängig sein, und auch von der Herkunftsregion in der Sowjetunion.

Aussiedler will ich in drei Gruppen einteilen. Die ersten sind diejenige, die mehr als 30 Jahre hier wohnen. Die meisten fühlen sich zuhause und sind glücklich, dass sie in die historische Heimat zurückkehrten. Ihre Kinder sind hier aufgewachsen und orientierten sich beruflich in Deutschland, nehmen am gesellschaftlichen Leben teil.

Die zweite und größte Gruppe sind die Spätaussiedler, die 15 bis 20 Jahre hier leben. Viele von ihnen fühlen sich zwei Welten zugehörig: Beides ist für sie wichtig, deutsche und russische Lebensweise.

Die Integration dieser Gruppe entwickelt sich nach dem interkulturellen Prinzip Deutschlands. Man gründet interkulturelle Klubs, Theater, und ich glaube, diese Initiativen sollten von Integrationsbeauftragten begrüßt werden. Die Aussiedler suchen konfliktfreie Wege der Integration, aber sie bewahren ihre Liebe zum eigenen Herkunftsland. Als Beispiel kann man den Interkulturellen Verein Mostik nennen, bei dem man die Verbindung russischer und deutscher Kultur erlebt.

Die dritte Gruppe sind die Aussiedler, die sich weder als Deutsche noch als Russen identifizieren können, mit verschiedenem Alter, die die deutsche Sprache nicht beherrschen. Unter denen sind auch Jugendliche, die Deutsch sprechen, aber sich unter Gleichaltrigen nicht wohl fühlen – die Mentalität ist verschieden.

Meiner Meinung nach braucht die dritte Gruppe besondere Unterstützung. Man sollte den jungen Leuten bei der Berufswahl und bei der Arbeitssuche helfen. So wie die Intensivsprachkurse, wären auch kurze Informations- und Orientierungskurse nützlich. Die sollten über alltägliche Kenntnisse der neuen Umgebung aufklären. Wichtig wäre auch, den Jugendlichen den Weg in die Vereine zu zeigen.

Im September 2013 wurden die Aussiedler aus Deggendorf und die Mitglieder von Mostik zu einem Begegnungstreffen von russisch-deutschen Aussiedlern nach Torgau eingeladen. Das Treffen wird von denen organisiert, die in Deutschland lebend ihre russische Kultur nicht vergessen wollen.

Es waren die schönen Eindrücke von diesem Treffen noch lebendig, und schon kamen im Mai 2014 die Gäste aus Magdeburg und Torgau zu uns nach Deggendorf, auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde. Wir besichtigten die Benediktinerabtei in Niederalteich und besuchten die Donaugartenschau, es gab auch eine Stadtführung in Deggendorf. Im Sonntagsgottesdienst predigte die Pfarrerin aus Torgau, Christine Rothe, die den Menschen als Reisenden beschrieb, der den jeweils eigenen Weg zu Gott sucht.

Wie so oft, kam es auch hier zum Austausch der Meinungen, ob man sich nach der Einreise nach Deutschland zuhause fühlt. Wie änderte sich die Einstellung zu Kirche, Gemeinde und Glaube? Dies besprach man auch in Deggendorf. Alle waren sich da einig, dass die Integration gelungen ist, und man in Deutschland eine neue Heimat gefunden hat. Aber man findet, dass die Einheimischen oft nicht an aktiver Zusammenarbeit interessiert sind. Die Aussiedler halten es nach 20 Jahren in Deutschland für selbstverständlich, dass sie zu der deutschen Bevölkerung gehören, wobei die einheimischen den Abstand zu uns zeigen. In einzelnen Fällen gibt es gute Beispiele.

Die Aussiedler kommen in die Kirche. Nach dem Leben in der UdSSR, in der Atheismus selbstverständlich war, suchen die Menschen Gott, und würden sich in den Kirchengemeinden gerne willkommen fühlen. Wichtig waren bei der Deggendorfer evangelischen Gemeinde deren geduldige und freundliche Mitglieder und die Pfarrer.

Zum Schluss trafen wir uns im Gemeindehaus und unterhielten uns beim Teetrinken. Da gab es auch ein Konzert des Chores von unserem Verein Mostik, und es trat die Tanzgruppe der evangelischen Gemeinde auf. Nach dem Konzert sangen alle zusammen: zu schön war der Abend, niemand beeilte sich, nach Hause zu gehen. Das Treffen von Landsleuten war sehr emotional.

Im September 2014 war ich beim Treffen der Aussiedler verschiedener Bundesländer in Glauchau dabei. Das Motto des Treffens war „Lebendige Brücken“. Das Programm beinhaltete gemeinsamen Gottesdienst, Stadtführung, Präsentation der, von den Aussiedlern gegründeten, Vereine, Auftritte der Chöre, Workshops. Ich war auch in so einer Workshop-Gruppe und bemerkte, dass uns die Einheimischen fehlten. Wir kamen nicht weiter bei den Besprechungen, wir tauschten unter uns die Meinungen und Erfahrung aus. Das wäre schön, sollte man neue Treffen initiieren, wenn man gemeinsame Wege findet.

Ich glaube, solche Treffen stärken das Selbstbewusstsein, und man realisiert die Bedeutung der Tätigkeit der Vereine. Und wenn man auf Russisch alles besprechen kann, machen wir das ohne Zweifel viel besser.

Die Brücken baut man so, dass sie von beiden Ufern entgegenkommen … Man darf nicht einfach die Wurzeln vergessen, die uns helfen in der neuen Heimat unser „Zuhause“ zu gründen. Es gibt viele Eigenschaften, die für „russische“ Aussiedler typisch sind: Gastfreundlichkeit, Offenheit, Herzlichkeit. Diese Eigenschaften braucht man nur mit der Tüchtigkeit und Pünktlichkeit der Einheimischen kombinieren.

Auf Russisch heißt der Ort, an dem man geboren ist, „Rodina“ (Heimat): die Wörter „Geburtsort“ und „Heimat“ sind gleichstämmig, so wie in Deutsch die Wörter „Heim“ und „Heimat“. Wir leben in Deutschland, hier ist unser Haus, aber geboren sind wir in einem anderen Land, dort ist unsere Heimat, und wir können das weder ändern, noch vergessen.

Man soll verstehen, dass in Deutschland ein Modell der ethnischen und kulturellen Vielseitigkeit entsteht. Wie sich die interkulturellen Beziehungen entwickeln, so wird auch die politische Stabilität im Lande sein. Dadurch, dass wir die anderen Sitten und Bräuche kennenlernen, lernen wir auch das Verhalten der Anderen zu verstehen und die Werte der fremden Kultur zu achten. Das hilft zum konfliktfreien Leben miteinander, und zur gegenseitigen Bereicherung.

Wir, die Aussiedler aus der UdSSR, haben die Erfahrung, wie man in einem internationalen Land lebt. Zum Beispiel in der Stadt Almaty – die ehemalige Hauptstadt von Kasachstan, wo ich geboren bin und meine Schul- und Studienjahre verbrachte – wohnen Leute von mehr als 100 Volksgruppen (Nationalitäten). Ich vergesse nie die Verhältnisse zwischen dem kasachischen Volk und der anderen Bevölkerung. Unsere Abstammung war nicht wichtig. Es wäre hervorragend, auch in Deutschland so die Beziehungen zu entwickeln, dass sich Menschen verschiedener Herkunft gleich fühlen könnten.

Deggendorfer nahmen am Projekt „typisch Deggendorf“ teil. In dem Projekt gab es vielseitige Programme, die freundliche interkulturelle Veranstaltungen unterstützten und aktiv gegen Extremismus und Antisemitismus kämpften. Der Verein Mostik war immer dabei. Interkulturelles Deggendorf – das sind die bayerische Tänze, die asiatische Küche, die Ausstellung „Russlands-Deutsches Haus“, das Fest der türkischen Kultur. Deggendorf ist bunt und für alle offen. Das ist ein Ort, wo man ohne Angst anders sein kann.

AUTOR: Natalia Schröder