Fazit

1. Foren der Veränderung?

Gemeinsames Feiern und Hausgenossenschaft, die über Gastfreundschaft hinausgeht, können für christliche Gemeinden sehr konkret umsetzbare Leitvorstellungen sein, die viel Potential freisetzen können – sozial, gesellschaftlich, politisch, kulturell, religiös, christlich.

Eine Kirchenvorsteherin meinte ironisch über „Aussiedlerarbeit“: Vielleicht ist „Aussiedlerarbeit“ in Kirchengemeinden deswegen so schwierig, weil sie oft Spaß macht. Ist fröhliches Feiern, ist Lebensfreude in Gemeinden vorgesehen? Gemeinsame Freude ist tatsächlich glaubwürdig – so wie dann auch gemeinsame Trauer, wie z.B. bei den Beerdigungen, die in so zahlreichen Situationen im Alltag der Gemeinden ja auch gelebt wird.

Was bei Christian Eyselein, 2006, theologisch als Leiturgia, Martyria, Koinonia und Diakonia umrissen wird, trifft den Kern. Man könnte allerdings Leiturgia neben dem Gottesdienst auch auf allgemeines mitmenschliches Feiern weiten, und überlegen, ob die Koinonia nicht der Martyria vorangehen könnte („belonging precedes believing“, Mitmenschlichkeit erhöht die Glaubwürdigkeit.), und bei der Diakonia die geteilte Verantwortung wichtiger als der „Dienst“ sein könnte, als gemeinsame Suche nach gemeinsamer Verantwortung, Teilhabe und Teilgabe – so wie das Diakonen-Amt der Apostelgeschichte auch als wesentlich in der Interkulturalität begründet verstanden werden kann, so dass die Witwen der neu Hinzugekommenen, der Griechen, trotz ihrer anderen Sprache und fremdartigen Vorstellung von Religion, auch zu ihrem Recht kommen sollten, und nicht nur die Alteingesessenen bedacht werden. Dann entwickeln sich auch neue Stimmen.

Das ist dann ein politischer Prozess. In Bezug auf russisch-deutsche evangelische Zuwanderung heißt das: Wer ist Christus heute? Welche Transformationen finden dementsprechend statt? Viele biblische Geschichten und Bezüge stützen die Erfahrungen, wie das Ringen um Repräsentanz und Mitsprache, Partizipation, Teilhabe und gemeinsame Verantwortung entscheidend zur Glaubwürdigkeit der Botschaft von der freien Gnade Gottes für alles Volk dazu gehört.

Begegnungsräume, so wie z.B. die Begegnungstage der Sächsischen Kirche, oder die hier vorgestellten Begegnungen, bei denen russisch-deutsche Evangelische nicht am Rand stehen, sondern ein gewichtiger Teil des Ganzen sind und sichtbar sind, können dazu viel Energie freisetzen. Lassen sie sich ausbauen?

Etablierte machen sich vielleicht die Sorge, dass sie selbst dann etwas mehr am Rand stehen, dass die „fremde Kultur“ dann plötzlich im Mittelpunkt stehen würde. Auch russisch-deutsche Evangelische wollen sich aber dann nicht auf diese Rolle als „Spätaussiedler“ oder „Russlanddeutsche“ festlegen lassen, sie sind ganz normale (neue?) Deutsche, haben meist deutsche Abstammung, sind meist deutsche Staatsbürger, normale Kirchenmitglieder. Die Kasualien werden gefeiert, Religions- und Konfirmandenunterricht zeigt seine Wirkung, zunehmend wird es auch russisch-deutsche Familiengeschichten in den verschiedenen kirchlichen Berufsgruppen geben, auch mit neuer ökumenischer Unübersichtlichkeit. Das Spiel von Hybridität und Mimikry ist im Gange. Der Erzbischof von York ist in Uganda geboren – aber wie lässt sich das in Deutschland gestalten? Wo sind hier die gläserne Decken, die es nicht erlauben, sich aufzurichten, und als Zugezogener ganz selbstverständlich mehr Verantwortung zu übernehmen, gläserne Wände, durch die es kein Hindurchkommen gibt? Wo sind die Plattformen oder Foren in der Ökumene mit den neuen Kirchen – und in den Traditionskirchen, in denen russisch-deutsch Dazugekommene die Veränderungen mit formulieren und mit entscheiden könnten?

In Deggendorf und in Magdeburg sind es eigenständige russisch-deutsch geprägte oder transkulturelle Vereine, neben den Kirchengemeinden, die als Akteure mit zur Dynamik beitragen. Auch bei anderen Gemeinden mit lebendiger Beteiligung russisch-deutscher Zugezogener zeigt sich diese Art von Kooperation oft als Gewinn für die Gemeinden. Reinhard Schott betont die Bedeutung der eigenständigen Gemeinden, die in der BRD entstanden sind. Alteingesessene Organisationen haben ihre Eigeninteressen, und sind auch bei noch so gutem Willen nicht ohne weiteres in der Lage, sich auf Veränderungen einzulassen. Erst recht nicht, wenn es beinhaltet, Andere, Neue mitreden zu lassen, Verantwortung an andere aus der Hand zu geben. Das kann nur im Gespräch gehen, das braucht Vertrauen, gemeinsame Erfahrung, viele kleine Schritte. Es braucht auch Möglichkeiten der Mitsprache und der Verantwortung, um je eigenes einzubringen. Es braucht eigene Stimmen, Wege und Räume der Artikulation und der Entscheidungsmöglichkeiten. Fairen Diskurs. Gemeinden können in ihren Stadtteilen oder Regionen ausprobieren, wie sie mit Kooperationen im Netzwerk gesellschaftlicher Veränderungen sich positionieren, und gemeinsames Leben mit gestalten. Ähnlich, wie es in traditionellen Dorfgemeinden auch der Fall war und manchmal noch ist. Mit anderen Akteuren auf Augenhöhe. Sei es kulturell, mit Räumlichkeiten, Feiern, Musik, Tanz, und natürlich auch im religiösen Miteinander in der neuen Vielfalt, die unsere Gesellschaften prägen, oder auch im sozialen, gesellschaftlichen, politischen, oder manchmal vielleicht auch wirtschaftlichen Kontext.

Anna Zitlau erinnert daran, dass die interkulturelle Öffnung von Organisationen Teil eines übergreifenden Diversity-Ansatzes sein müsste. Inklusion wäre dann ein Zusammenleben, bei dem die Herkunft und Art der Mehrsprachigkeit kein ausschließendes Thema mehr wäre – so wie z.B. bei der gender-Frage auch. Es wäre dann einfach normal, russisch-deutsche Dekanin zu sein. Aber das ist eben noch lange nicht so, und daher sind die Differenzen auch zu benennen und fruchtbar zu machen. So wie es Theologinnen-Konvente gibt, braucht es Freiräume, in denen russisch-deutsche Evangelische mit ihrer Agenda die kulturelle Vielfalt der Kirchen voranbringen könnten. Zusammenarbeit von Aussiedlerarbeit mit Initiativen für die Gemeinden verschiedener Sprachen und Herkünfte wäre naheliegend und könnte ausgebaut werden. Andere Initiativen für Barrierefreiheit in den Gemeinden könnten ähnliche Anliegen haben.

Unerwartet hat sich bei den Begegnungen zwischen Niederbayern und Torgau und Magdeburg gezeigt, dass „wir Niederbayern“ nach 25 Jahren gut zusammengehören, wenn wir uns nur von „den Ossis“ unterscheiden können. Verschiedene Trennlinien überlagern sich dann in den Gruppenbegegnungen, Ossi/Wessi, russisch-deutsch/alteingesessen/…, Mann/Frau, Kind/Jugendliche/r/jung/mittelalt/alt, musikalisch/nicht-musikalisch, evang./kath./orth./bapt./mennonitisch/atheistisch/bekenntnislos/…, und jede/r formt sich als individuelle Persönlichkeit.

2. Christus und die Nächstenliebe

Deutschland ist ein Einwanderungsland, und es stellt sich damit für die deutschen Kirchen die Grundfrage „Wer ist Christus?“ auch in Verbindung mit der Frage „Wer ist wir?“. Es lohnt sich, darauf zu achten, wer mit dem Wort „wir“ jeweils wen meint. Die Veränderungen sind tiefgreifend wie auch im 16. Jahrhundert. Die Stimmen des Neuen, die Stimmen der Neuen sollten dazu auch gehört werden.

Es ist eine komplizierte Frage: „Wer ist wir?“ Zumindest entdecke „ich“ auch bei mir selbst, wie schnell es geht, mit dem Wort „wir“ gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit oder Fremdenfeindlichkeit zu transportieren. Und: Mir ist nicht alles Fremde recht, und gerne bin ich auch immer wieder unter „meinesgleichen“. Aber manchmal staune ich, wer mir plötzlich als scheinbar Fremder nahe ist, und wer mir als scheinbar Wohlvertrauter fremd erscheint. Gerade in diesem Spiel wirkt das Leben lebendig.

Die „Kritik der schwarzen Vernunft“ (A. Mbembe) fordert vom europäisch-aufklärerischen Vernunftbegriff ein Einlösen des behaupteten umfassenden humanistischen Anspruchs, gegen rassistische Strömungen, auch im aufgeklärten Christentum.

„Wer ist wir?“, das könnte in kirchlichem Kontext, biblisch konzentriert auf das gewichtigste Gebot, und ökumenisch geweitet, auch lauten: Wer ist mein Nächster? Es sind vor Gott und bei Christus vielleicht alle Menschen gemeint, in ihrer Verschiedenheit. Eine engagierte Pädagogin, die mit postsowjetischer Prägung die Begegnungen wesentlich mit gestaltet hat, meinte in einem kirchlichen Gespräch dazu: „Gott spricht die Sprache der Annahme.“

 

AUTOR: Gottfried Rösch