Einführung

Ecclesia est semper reformanda. Die Kirche lebt vom Evangelium von Jesus Christus, und verändert dem entsprechend je nach Situation ihre Formen.

Die Kirchen in Deutschland haben die Tradition, dass sie sich bewusst öffentlicher Verantwortung stellen. Dabei sind sie zu Beginn des 21. Jahrhunderts von starken demografischen Verschiebungen betroffen. Während die alteingesessene Bevölkerung altert, gibt es einen starken Zustrom an jungen Menschen. Fast jede dritte Familie in der Bundesrepublik hat im Jahr 2013 ausländische Wurzeln.

Welche Religiosität, welchen Glauben, welche Kirchenbilder bringen die Zugewanderten für die Zukunft mit, und wie verträgt sich das mit dem Kirchenverständnis der deutschen Traditionskirchen? Wie werden sie die Kirchen und ihre öffentliche Verantwortung bestimmen?

Der EKD-Text 119 „Gemeinsam evangelisch! Erfahrungen, theologische Orientierungen, und Perspektiven für die Arbeit mit Gemeinden anderer Sprache und Herkunft“ beschreibt im Vorwort: „Viele Christinnen und Christen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen leben in Deutschland. … Diese Christinnen und Christen bilden hier eigene Gemeinden. Unter den Migrantinnen und Migranten, die in unser Land kommen, stellen sie einen weit höheren Anteil als viele vermuten. So zeigt etwa der Hessische Integrationsmonitor von 2010, dass mehr als zwei Drittel der Einwandernden einer christlichen Gemeinschaft angehören. Dies ist jedoch in den evangelischen Kirchen in Deutschland bislang kaum wahrgenommen worden. Daher ist es Zeit, neu zu bedenken, wie sie selbst in einer – auch christlich – vielfältig kulturell geprägten Gesellschaft die »Botschaft von der freien Gnade Gottes allem Volk ausrichten« können (vgl. Barmen VI).“

Dieser Text erinnert an die Theologische Erklärung in Barmen von 1934. Das kann deswegen angemessen sein, weil Barmen sich auch lesen lässt als ein Abschied von der Tradition der konstantinischen Reichskirche. Nicht mehr Staatskirche, nicht Fürst, Kaiser oder Führer sind der verbindliche Weg der Kirchenstruktur, wenn wirklich alles Volk die Botschaft von der freien Gnade Gottes hören soll. Mittlerweile ist die Bundesrepublik zu einem Einwanderungsland geworden, und die Gewichte des Christentums haben sich global verschoben. Was wird nun also aus der stolzen deutschen kirchlichen Tradition? Die deutschen Kirchen verstehen sich eventuell, ohne es sich einzugestehen, in vielen Bereichen als Institution der Etablierten, und verengen sich dann in eine migrationsfreie Nische. Dann wird Überalterung und abnehmende Mitgliederzahl thematisiert. In diesen Überlegungen hier geht es aber um junge Gemeinden, enorme Zuwächse, kreative Prozesse.

„Gemeinsam evangelisch!“ setzt zur Situation in einem Einwanderungsland viele gute Impulse, aber erwähnt nicht eine der größten christlichen Zuwanderungsgruppen – die Deutschen, deren Familien im Russischen Reich und dann in der Sowjetunion lebten, und meist nach Ende des Kalten Krieges in die Bundesrepublik kamen. Warum nicht? Ein Grund: Die meisten sind bei der Einreise Mitglieder der traditionellen Volkskirchen geworden. Sie sind dadurch wenig wahrnehmbar, wenig repräsentiert. Die Zuwanderer, die eigene Gemeinden gegründet haben, sind da eher sichtbar – afrikanische, asiatische, und eben auch die russisch-deutschen, mit eigenen theologischen Prägungen und hauptberuflichen Ausbildungswegen (Weiß, 2012). „Gemeinsam evangelisch!“ – dieses christliche Potential der Zuwanderung, das findet sich aber auch gerade innerhalb der EKD-Gemeinden. Christian Eyselein (2006, S. 55) gibt für die Evang.-Luth. Kirche in Bayern den Anteil der „Aussiedler“ für 1998 mit 8% an, in Gegenden wie dem Kirchenkreis Regensburg 20%, Dekanat Passau 36%, Dekanat Cham 43%. Es wäre naheliegend, sie mit ihrem weiten Horizont als großes Potential der Kirchen wahrzunehmen. Welche Form der Kirche wäre dafür angemessen?

Zuwanderung bringt Veränderung. Veränderungen gehen nicht ohne Spannungen. Millionen von Aussiedlern, Spätaussiedlern, Deutsche aus dem Osten, prägen unser Land, oft mehrsprachig, mit russischer Sprache. Der Großteil kam in den 90er Jahren, in denen eine neue Bundesrepublik mit ihren Kirchen nach der Beendigung der DDR damit beschäftigt war, selbst eine neue nationale Identität zu entwickeln. Die alte BRD hatte in der Sowjetunion einen Gegner gesehen, ideologisch, strategisch, militärisch. Das wirkte, und wirkt nach. Wie denken die evangelischen Christen in der heutigen BRD über Sozialismus, Kommunismus, Kapitalismus, über Europa? Wie wachsen ehemalige DDR und ehemalige BRD zusammen? Die russische Sprache ist in deutschen Ohren mit sehr viel komplizierter Geschichte beladen. Die interkulturellen Spannungen sind weiter oft enorm. Vielleicht sind aber russisch-deutsche Evangelische einer der Schlüssel dafür, dass die Kirchen der EKD Anteil nehmen an der Öffnung, die die deutsche Gesellschaft in vielen Bereichen schon lange relativ erfolgreich vollzogen hat. Durch eine entsprechende Reformation könnte sie ihrem Auftrag dann besser gerecht werden, wirklich bei allen Menschen in einem Einwanderungsland angemessen im Gespräch zu bleiben.<br>

Konkretes Beispiel: Die evangelische Kirchengemeinde Deggendorf in Niederbayern, mit ungefähr 6.000 Mitgliedern, feiert ihre zahlreichen Taufen meist mit mehrsprachigen Familien. 2012 hatte ich als einer der drei Gemeindepfarrer 58 Taufen – davon waren nur zwei deutschland-deutsch. Es ist naheliegend, dass da neue Traditionen entstehen. Neben der gesellschaftlichen oder politischen Mitsprache stellt sich die Frage der religiösen Mitsprache: Welches Gewicht haben die mitgebrachten vielschichtigen verschiedenen religiösen Vorstellungen von Zugewanderten? Wer entscheidet das, was entscheiden die Etablierten, was die Neuen? Wissen die ehemaligen Sowjetbürger überhaupt, was richtiger christlicher Glaube ist? Wieviel traditionelles Glaubenswissen muss man haben, um bei Gott angenommen zu sein? Wenn sich die Neuen als evangelisch oder christlich empfinden, entspricht das der Empfindungslage der traditionsbewussten haupt- oder ehrenamtlichen Entscheidungsträger mit ihren Prägungen? Wie lässt sich hier eine gemeinsame „Hausgenossenschaft Gottes“ leben und weiter entwickeln, wie es der EKD-Text mit Verweis auf Eph. 2,19 empfiehlt?

Die Kirche braucht russisch-deutsche Evangelische, die öffentliche Räume mit gestalten, mit entscheiden, als Mehrsprachler und mit ihrem weltweitem Horizont kenntlich sind, und öffentlich mitreden, und öffentliche Verantwortung mit übernehmen.

Dazu braucht es auch viele kleine Schritte. Einige wollen wir hier exemplarisch bündeln und zugänglich machen. Durch Begegnungen auf Kirchentagen entstand Kontakt zwischen Deggendorfern und Christine Rothe, Pfarrerin der Aussiedlerarbeit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Sie lud 2013 Deggendorfer zum kirchlichen „Begegnungstag für Aussiedler“ nach Torgau ein, ein halbes Jahr später gab es einen Gegenbesuch einer Gruppe aus Torgau und Magdeburg in Niederbayern, und danach wieder einen Begegnungstag in Glauchau in Sachsen. Dadurch ist Neues entstanden – aber was? Eindrücklich war Katharina von Bora als Gestalt der Reformation in Torgau und Wittenberg präsent. Das Denkmal im Lutherhaus zeigt, wie sie einen kleinen Schritt geht. Durch eine angedeutete Tür, aufrecht in einen neuen Raum.

Diese Dokumentation und Reflektion kann Anregungen für Arbeitsfelder im Umfeld von Zuwanderung geben, russisch-deutsch oder andere. Sie soll auch eine Einladung sein, entstandene Netzwerke weiter auszubauen. Indem das geschieht, entstehen evangelische öffentliche Räume.

Nach einer psychosozialen Bestimmung des Begriffs „Partizipation“ durch Anna Zitlau (Kirchengemeinde Deggendorf) folgen Impulse aus der Interkulturellen Theologie von mir, die zur Reflektion neuer kirchlicher Landschaften in Europa anregen sollen.
Danach werden die Beispiele konkret vorgestellt, mit vielen genauen Beobachtungen zur russisch-deutschen Lebenssituation in kirchlichem Umfeld: Natalia Schröder erzählt und reflektiert für Deggendorf, Elena Klein für Magdeburg und Christine Rothe für Torgau: Wie war die Situation vor den Begegnungen, was geschah, und welche Impulse haben sich dadurch ergeben. Ein Fazit rundet die Überlegungen ab.

Diese Veröffentlichung entstand im regen Austausch mit der Konferenz für Aussiedlerarbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern. Sie wurde begleitet und unterstützt von Reinhard Schott, als Vorsitzender der Konferenz für Aussiedlerseelsorge in der EKD, die sie auch finanziell ermöglichte. Dank auch an Nina Schmidt, die die Zweisprachigkeit unterstützte, und an Eugen Litwinow, der die Texte öffentlich zugänglich macht.

Gottfried Rösch, Pfarrer

 

Literatur:
Eyselein Christian: Russlanddeutsche Aussiedler verstehen. Praktisch-theologische Zugänge, Leipzig 2006
Evangelische Kirche in Deutschland: Gemeinsam evangelisch! Erfahrungen, theologische Orientierungen, und Perspektiven für die Arbeit mit Gemeinden anderer Sprache und Herkunft, EKD-Texte 119, Hannover 2014. Download: www.ekd.de/EKD-Texte, Oktober 2014
Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom 3. Februar 2015: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/zdw/2015/PD15_006_p002pdf.pdf?__blob=publicationFile, Stand: 4.2.2015

AUTOR: Gottfried Rösch