Ausgangslage Torgau

Als Jahrgang 1952 bin ich in Berlin-Karlshorst (Ostteil der Stadt) geboren und aufgewachsen. Es ist der Ort der Unterzeichnung der Kapitulationserklärung am 8.5.1945, dem Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus. Sie findet im Hauptquartier der sowjetischen 5. Armee, Zwieseler Str. 4 statt und ist die Ergänzung der Unterzeichnung vom 7.5. im Hauptquartier der westlichen Alliierten in Reims. So kann ich nicht umhin etwas auszuholen bei der unterschiedlichen Wahrnehmung der Spätaussiedler und der Besonderheit ihrer Ankunft in den Neunziger Jahren in Torgau, meinem damaligen Dienstort:

Die Perspektive und das Wissen, wer da kommt, mussten sich erst durch Gespräche, Begegnungen und Literaturstudium erhellen.

Torgau ist nicht nur durch die Reformationsgeschichte bekannt, sondern auch durch die ehemals kurfürstliche Residenz, und als Garnisonsstadt in unterschiedlichen Epochen.

In Torgau begann das Ende des 2. Weltkriegs mit der widerrechtlichen Begegnung mutiger sowjetischer und amerikanischer Soldaten auf den Resten der zerstörten Stadt-Brücke über die Elbe. Ein Ehrenmal (dreisprachig) erinnert an diese Begegnung am 25.4.1945.

Am 4.3.1959 legte der Sowjetische Regierungschef der UdSSR Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (*1894, + 1971) dort Blumen nieder.

Gegen das Vergessen verfügte der amerikanische Taxifahrer und ehemaliger Soldat Joe Polowski (Veteran) testamentarisch seine Bestattung auf dem Friedhof in Torgau. Dem wurde diplomatisch selbst in Zeiten des „kalten Krieges“ stattgegeben. So gib es zwei Gedenkorte, das Ehrenmal an der Brücke und das Grabmal auf dem Friedhof, die internationale Besucher aufsuchen.

Besondere Gedenken fanden in DDR-Zeiten 1960, 1980, 1985 und 1988 statt. Seit der Wende findet jährlich ein großes Begegnungsfest statt. Es wird als „Elbeday“ unter dem Motto: „Down by the riverside“ von einem eigens gegründeten Verein als Volksfest, Befreiungsgedenken und Siegesfeier über den Hitlerfaschismus durchgeführt. Ein internationales Jazzfestival war damit verbunden und belebte die Elbwiesen rund um Torgau.

Dieses Fest bot eine Möglichkeit für Gespräche und Bekundungen des gegenseitigen Friedenswillens. In DDR-Zeiten waren außerhalb der gelenkten Organisationen wie DSF= Deutsch Sowjetische Freundschaft, persönliche Begegnungen für Sowjetbürger mit Deutschen Einheimischen unerwünscht: Wollte ich meine ersten Russischkenntnisse aus der Schule am Spielwarenladen in Berlin-Karlshorst mit den sowjetischen Schülern ausprobieren, wurden sie gleich von ihrem Offizier zum Weitergehen auf die andere Seite ins Sperrgebiet animiert. Genauso durften auch Armeeangehörige ohne Beauftragung durch die Gesellschaftsorganisation keine persönlichen Kontakte mit Einheimischen pflegen, wie mir später berichtet wurde.

Der Verein hält die Erinnerung an diese Erstbegegnung in Torgau wach, auch wenn die Mittel und Beteiligung rückläufig sind. Die Evangelische Kirchengemeinde Torgau lädt bis heute alle zum ökumenischen Gottesdienst ein. Sie gibt Raum zum Gespräch mit internationalen Gästen, den Veteranen und ihren Nachkommen und Kirchenvertretern gegen das Vergessen und für Friedensengagement heute. Hier in Torgau blieb die sowjetische Armee bis Herbst 1994 als eine der letzten stationierten Gruppen. Alle waren dankbar, dass die Wende 1989 friedlich verlief, auch dank der Moskauer Entscheidung und durch das Verhalten der sowjetischen Armee. So haben nicht wenige Ihnen Geschenke zum Abschied mitgegeben. Staatliche Mittel der Bundesregierung sollten außerdem für einen guten Anfang für sie in der Heimat sorgen, erhoffte man. Sie ließen uns unsere Freiheit, das war stark von ihnen. Schade, dass sie sich später als Verlierer fühlten. Haben wir durch die Beschäftigung mit unseren eigenen Veränderungen nach der Wende versäumt, ihnen zu danken, ihnen Respekt zu zollen und sie in der Entwicklung von Freiheit und Wohlstand ihres riesigen Landes zu stützen?

Gleichzeitig beginnt der Zustrom von Spätaussiedlern ins Aussiedlerheim, abseits im Gewerbegebiet gelegen. Zum Stadtbild gehörten bis Herbst 1994 abgesehen von sowjetischen Soldaten und Offizieren ihre gestylten, duftenden sowjetischen Frauen mit Hochfrisur. Die ankommenden Frauen aus der ehemaligen SU sahen genauso aus und sprachen auch Russisch … Waren sie wirklich Deutsche ohne deutsche Sprache oder sowjetisch sozialisierte Deutsche …? Russlanddeutsche aus der ehemaligen SU brachten oft Familienangehörige mehrerer Nationalitäten mit. Da kamen auch Frauen vom Land, wie Kolchosbäuerinnen mit Kopftuch, manchmal mit stotterndem schwäbischen Dialekt. Sprachlich gesehen ist Torgauer Kanzleisprache, gemischt mit „Leipzsch“ oder „Berlinsch“ nicht die ursprüngliche Heimat der Ankommenden.

Bei uns trugen die Frauen maximal bis Anfang der 60iger Kopftuch. Es passte nicht zur mehr selbstbewussten Frau. Und was ihren Glauben anging, waren ältere Frauen diejenigen, die meinten genau zu wissen, was richtiger, echter Glaube ist und unsere Leute als Ungläubige abwinkten. Ihre Glaubenspraxis nach Büchern aus dem 18. Jahrhundert, war den meisten von uns fremd. Sie passten nicht in die bürgerlich geprägte Stadtgemeinde Torgau. Die jüngere Generation wusste vom Glauben fast nichts, vielleicht ähnlich, wie bei uns. Trotz offener Türen fand man nicht schnell zueinander. Es brauchte Zeit, Verstehen (Sprache), Verständnis und gegenseitigen Willen und Geduld. Das waren anfängliche Schwierigkeiten.

Glücklicherweise gab es solche Leute mit einem weiten Herzen, die Menschen nicht nach dem Äußeren beurteilen oder Glauben zensieren, oder Vorurteile pflegen. So konnte man sich allmählich kennen- und verstehen lernen.

Insgesamt haben sich die Stadt, der Landkreis, die Kirchen und Vereine intensiv für Spätaussiedler engagiert. Durch die Schule in der DDR-Zeit war uns sozialistische Kultur nahe gebracht worden. Nun hatten wir die Chance wirklichen ehemaligen Sowjetbürgern zu begegnen und unsere Russischkenntnisse aus der Schulzeit zu erwecken und erproben.

Die verschieden geprägten Deutschen aus der SU und ihren Folgestaaten fanden hier in unterschiedlich geprägten einheimischen Gruppen entsprechend Aufnahme.

Wie überall in den Kreisstädten wurde sich gekümmert: Kleiderkammer, Wohnungseinrichtung, Sprachkurse in der VHS, Vereine, die mit dem Aussiedlerheim Kontakt aufnahmen, Beratungsstellen der Diakonie etc., Gruppen, Chöre, die gerade zu den Festen Grüße brachten, machten sich auf. Je nach den Voraussetzungen konnte Arbeit vermittelt werden. Torgau selbst hatte nach der Wende einen hohen Arbeitslosenstand, weit über 20%, was sich auch für die älteren und nicht sprachgewandten auswirkte. Hinzu kam, dass nach der Wende die Industrie in Torgau stark abgewickelt wurde und die Naturerhaltung und der Tourismus intensiviert wurden. Etliche Russlanddeutsche/Spätaussiedler mit ihren Angehörigen pachteten kleine Gärten.

Später gründeten Spätaussiedler selbst verschieden geprägte Vereine.

Alle mühten sich um Aufarbeitung vergangener Geschichte(n). Sie erinnern an die deutsche und sowjetische Heimat, indem sie alte Kultur pflegen oder deren Lieder singen und Feste feiern. Sie suchen Kontakt mit Einheimischen, damit sie jetzt besser in Deutschland vorankommen und am Leben teilhaben. Später wurde im Neubaugebiet ein Stadtteiltreff gebaut, indem jetzt alle Vereine und Gruppen das Zusammenleben erproben.

Die Evangelische Gemeinde beschäftigte sich Mitte der Neunziger Jahre mit sich selbst, mit einem neuen Stellenplan. Das Stadtteilgebiet Nord-West war Neubaugebiet – aber mit Leerstand durch Wegzug von Einheimischen nach Westdeutschland oder der Sowjetarmee nach Russland. Das wurde für Zuzug der Spätaussiedler vorgesehen, was zu einer gewissen Ghettoisierung führte und anfangs Problemzonen schuf. Dieses Stadtteilgebiet wurde nun kirchlich an das anliegende Dorf Zinna ausgegliedert. Währenddessen fuhren die Vertreter der Neuapostolischen Kirche direkt nach Russland und bereiteten gezielt die Werbung für Unterstützung bei Wohnungs- und Arbeitssuche für Ausreisewillige vor. So singen viele Russlanddeutsche heute in ihrem Chor.

Durch die evangelische Krankenhausseelsorge (mit russischen Brocken und zweisprachigen Heften für Gottesdienst, Taufe, Vaterunser etc.) wurden auch Familien auf die Evangelische Kirche aufmerksam. Mehrere Großfamilien ließen sich taufen. Das war besonders in der Osternacht in der Stadtkirche St. Marien eindrücklich.

Es entstanden weitere Kontakte über diese Familien.

Nach dem Erwachsenenunterricht traf sich eine Gruppe regelmäßig weiter zu Bibelstudium und regen Austausch über das Leben im Pfarrhaus. Eine Frauengruppe (zehn Evangelische) bekam in der Kirchengemeinde eine feste Zeit und Raum mit eigenem Schrank für ihre regelmäßigen Treffen. Diese Gruppe blieb bis zum Sächsischen Aussiedlertag in Torgau stark engagiert. Wenn die Kirche Hausmeister und andere Hilfe brauchte, bekam sie von Russlanddeutschen, die oft in ABM-Stellen oder Job-Maßnahmen vermittelt wurden, Unterstützung. Staatliche und kirchliche Fördermittel (Landkreis und Kirchenkreis) konnten organisiert werden, um weitere Integrationsangebote anzubieten: Unter dem Motto: „Ich zeig dir meine Heimat“ wurden Busfahrten gemischt mit Einheimischen in Städte der Reformationsgeschichte und auf Spuren der Zisterzienser- Klostergeschichte in Sachsen und Thüringen unternommen. Daraus erwuchs ein gemischtes Team, das mehrere Familiennachmittage vorbereitete. Besonders zu Themen kirchlicher Hochfeste und zu den Länderberichten des Weltgebetstages fand der Familiennachmittag großen Anklang: 80-100 Aussiedler fanden in der restaurierten alten Superintendentur unterm Dach Platz. Die Mitgestaltung des Weltgebetstages, die multimediale Möglichkeit mitzutun und Kontakt mit anderen aufzunehmen, seine Koch- und Tanz-Kompetenz zu zeigen und die Sprachfähigkeit zu üben, weitete den Horizont und das Interesse für die Kirche. (Leider engagierten sie sich nicht mehr, als für sie im Folgejahr nur noch die teuren Rezepte übrig waren, sodass sie sich nicht am Kochwettbewerb beteiligen konnten … Manchmal gehen wir von uns selbst aus und vergessen, uns in andere hineinzuversetzen. Ein anderes Mal merken wir gar nicht, dass wir andere verletzen, weil wir zu wenig von ihrer Situation wissen. Beide Seiten, Einheimische und Dazugekommene, brauchen miteinander Geduld und auch den Mut, gegenseitige Verärgerung auszusprechen, und den Willen sich nicht gegenseitig voneinander zurückzuziehen …)

Durch die Werbung der Familien und die Kontakte zu den verschiedenen Vereinen nahmen auch Torgauer Spätaussiedler an Landeskirchlichen Integrationswochen teil.

Nachdem sich die äußerlichen Fragen des Lebens allmählich klärten, war man auch offener, um über Glaubenserinnerungen in der SU, Familientradition und Konfessionskunde mehr zu erfahren, um sich für den eigenen Weg zu entscheiden. Hier begann auch das Heranführen und Einüben in gottesdienstliche Praxis.

Hier trafen sich u.a. Torgauer und Magdeburger. Mit engagierten Spätaussiedlern fuhren wir zu den Mitarbeiterjahrestreffen der KPS (Kirchenprovinz Sachsen), die später 2008 mit der Evangelisch Lutherischen Landeskirche Thüringen zur EKM (Evangelischen Kirche Mitteldeutschland) fusionierte, und nahmen an den Sächsischen Aussiedlertagen teil. Letztere wurden durch die Evangelisch Lutherische Landeskirche Sachsens (Dresden) ausgerichtet.

AUTOR: Christine Rothe