Ausgangslage Magdeburg

Bevor ich die kirchliche Situation in Magdeburg in Bezug auf Russlanddeutsche aus der ehemaligen Sowjetunion schildern werde, möchte ich etwas Persönliches berichten, und zwar seit meinen ersten Schritten hier in Deutschland.

Meine Berührung zur Kirche in Russland war meistens im orthodoxen Bereich. Damals gab es keine deutsche Kirche oder deutsche Gemeinde in unserer Gegend. Das Gebet und kirchliche Lieder hörte ich nur zu Hause von meiner deutschen Oma in der deutschen Sprache und von meiner russischen Oma in der russischen Sprache. Und wenn man eine Kerze zum Gedenken der verstorbenen Angehörigen aufstellte, ging man in die orthodoxe Kirche. Mein Fall ist typisch für die meisten Russlanddeutschen meiner Generation.

Während unseres Aufenthalts in Kaliningrad (ehem. Königsberg), der nur anderthalb Jahre dauerte, traten wir in die deutsche lutherische Gemeinde ein, die den Gottesdienst in den Räumen des Kinotheaters unter dem Namen „Pobeda“ („Sieg“) hielt, und der Gesang dort wurde mit dem Klavier begleitet.

Als wir mit der Familie im März 1996 zum Grenzübergangslager in Friedland kamen, waren wir vor allem von dem Kirchengebäude dort sehr beeindruckt. Wir waren noch nicht drin, aber schon äußerlich sah die Kirche aus wie eine vertraute Person, wie ein Stück Heimat für uns.

Einmal am Abend, gerade vor unserer Abreise nach Magdeburg, kamen zu uns zwei Frauen mit der Einladung zum Gottesdienst. Als wir die Kirche auf dem Gelände von Friedland betraten, waren wir beide, meine Mutter und ich, von der Atmosphäre dort sprachlos geworden. Unsere Familiengeschichte kreiste in unserem Kopf. Ich stamme aus einer gläubigen Familie, die mütterlicherseits und väterlicherseits zu den Volksfeinden gehörte, und die erst Anfang der 90-er Jahre rehabilitiert wurde. Wegen des Glaubens wurden viele Angehörige meiner Familie verhaftet und ermordet. Vom Gottesdienst und vom Gesang waren wir mit der Mutter so stark berührt, dass wir unsere Tränen gar nicht aufhalten konnten und wir weinten den ganzen Gottesdienst.

Unsere zweite Station: Magdeburg, Durchgangswohnheim in Rothensee, März 1996. Etwa 150 Personen, die als Spätaussiedler nach Deutschland kamen, wohnten zu dieser Zeit in diesem Wohnheim. Fast alle Familien hatten ältere Leute, die Vertreibung, Kommandatur und Ausgrenzung der Gesellschaft erfahren hatten. Aber der feste Glauben an Gott half diesen Menschen, die Schwierigkeiten in der ehemaligen Sowjetunion und auch hier in Deutschland zu überwinden. Die meisten von ihnen hatten einen evangelischen Glauben, aber es gab auch Katholiken, Baptisten und Mennoniten. Die jüngere Generation, deren Bewusstsein von dem sozialistischen System, d.h. von der atheistischen Ideologie beeinflusst wurde, hatte mit einzelnen Ausnahmen keine Bindung zur Kirche. Es gab ein Problem für ältere Leute bei der Orientierung in Bezug auf die Kirche, denn immer wieder kamen die Vertreter_innen unterschiedlicher Gemeinden zu uns ins Wohnheim. Überdurchschnittlich oft belästigten uns aber die Zeugen Jehovas. Sie versuchten, den Menschen bei Problemen zu helfen, und auf solche Weise waren diese Menschen schnell in ihre Gemeinde aufgenommen.

Unsere Familie versuchte in den ersten Tagen nach unserem Ankommen nach Magdeburg den Kontakt mit der lutherischen Kirche zu finden. Wir kamen ins Konsistorium an der Domkirche mit der Bitte, uns die Adresse der lutherischen Gemeinde zu geben. Die Frau an der Information suchte einige Minuten lang im Auskunftsbuch, aber fand nichts. Plötzlich fiel ihr eine SELK-Gemeinde ein, von der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche, die sich nicht so weit vom Dom befand. Am nächsten Tag gingen wir zu der Gemeinde, und zu unserer Überraschung wurden wir dort herzlich aufgenommen. Das war tatsächlich eine gegenseitige Bereicherung und Unterstützung. Wir waren die ersten Russlanddeutschen in der Gemeinde. Die Gemeinde half uns enorm, und von unserer Seite aus half mein Mann bei Bauarbeiten im Innenhof der Gemeinde. Auch die russische Nationalspeise Pelmeni kochten wir zu dritt für eine Synoden-Sitzung, die einmal in den Räumen der Gemeinde stattfand. Mit der Zeit kamen andere Russlanddeutsche aus unserem Wohnheim in die Gemeinde, und einige von ihnen wurden in der Gemeinde getauft. Heute, muss ich gestehen, finden wir kaum Zeit, den Gottesdienst in der Gemeinde zu besuchen, da wir auch am Wochenende ab und zu arbeiten. Aber wir sind Mitglieder dieser Gemeinde geblieben.

Es war kein Zufall, es war Gottes Wille, dass wir Pfarrerin Christine Rothe, Seelsorgerin für Spätaussiedler bei der EKM, der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, kennen gelernt haben. Damals waren wir noch keine offizielle Gruppe der Spätaussiedler, sondern Mitglieder der multinationalen Sozial-Kulturellen Vereinigung „Meridian“ e.V.. Die Ortsgruppe der Ottostadt Magdeburg der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. wurde später gegründet. Dank der Zusammenarbeit mit der EKM und dank dem persönlichen Engagement von Christine Rothe und von ihrem Ehemann Andreas Rothe (Pfarrer i.R.) erreichten wir unheimlich viel.

Die Russlanddeutschen, zu denen ich selber gehöre, haben unserer Meinung nach eine wertvolle Eigenschaft, und zwar die Pflege des Zusammenhalts der Generationen, und den Wunsch, die Anderen zu verstehen. Ich bin selber in einer großen Familie aufgewachsen, bei der unsere Oma zusammen mit uns lebte. Den Glauben an Gott bekam ich von meinen beiden Omas und von der Mutter. Von Gott sprach niemand pathetisch in unserer Familie, aber man führte alltägliches Leben mit Gottes Wort und nach Gottes Geboten. Das Gebot der Nächstenliebe spürten wir im Umgang unserer Eltern und Großeltern mit uns Kindern, und im Umgang unserer Eltern und Großeltern mit Menschen aus dem Umfeld. Der Tag begann und endete mit dem Gebet meiner Omas. Die Fastenzeit zum orthodoxen Weihnachten und Ostern pflegte man streng, auch wir Kinder sollten diese Fastenzeit halten. In der Schule unterrichtete man uns nach atheistischen Dogmen, und in der Familie genoss ich ein anderes Leben.

Aus diesem Grund habe ich mir angewöhnt, den Anderen zu helfen, wie es meine Eltern taten. Auch hier in Deutschland versuche ich, meinen Landsleuten zu helfen. Die Arbeit mit Menschen ist schwer und nicht immer dankbar, und man braucht manchmal Zeit, um neue Kraft aufzutanken, damit man wieder seine Energie zu Gunsten der Anderen leisten kann. Eine große Unterstützung bekomme ich von meinen Kolleg_innen, die sich in beiden Vereinen, nämlich in der multinationalen Sozial-Kulturellen Vereinigung „Meridian“ e.V. und in der Ortsgruppe der Ottostadt Magdeburg der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V., engagieren.

 

AUTOR: Elena Klein