Ausgangslage Deggendorf

Ungefähr vor 25 Jahren sind die ersten Aussiedler in Deggendorf angekommen. Ich bin auch eine von denen, deshalb möchte ich über die Integrationserfahrung erzählen, und zwar so, wie ich dies sehe, und auch über die gelungene oder fehlgeschlagene Integration.

Wir sind den schwierigen, steinernen Weg des russischsprechenden Immigranten gegangen. Wir mussten nicht nur die Sprache erlernen und auch den ganz anderen politischen, sozialen Rechtsstaat kennenlernen, sondern auch die europäische Mentalität akzeptieren.

Laut der Statistik sind 35% der erwachsenen Aussiedler, die anfangs der 90-er Jahren nach Deutschland kamen, Akademiker. Sie versuchten ihre berufliche Erfahrung den Arbeitgebern anzubieten. Die mangelnden Sprachkenntnisse waren ein Hindernis für viele Fachleute – für Ärzte, Lehrer, Ingenieure. Bei der Anerkennung der Hochschulbildung entstanden Schwierigkeiten, es gab keine Unterstützung seitens des Staates für die Weiterbildung, auch nicht für diejenigen, die kein Problem mit der deutschen Sprache hatten. Die Situation zwang die Leute, unqualifizierte Arbeit aufzunehmen, um die Familie ernähren zu können. Man kann sich die Enttäuschung der Aussiedler, die eine anständige Arbeit vor der Ausreise hatten, leicht vorstellen. Sie fühlten sich nutzlos in der deutschen Gesellschaft.

Gleich nach der Einreise wurden die Neuankömmlinge in die Wohnheime einquartiert, wo die Isolation und Ausgrenzung von der Außenwelt die Folgen waren. Die Leute haben weiter ihre Sprache gesprochen. Der Sprachkurs alleine reicht nicht, dazu zu motivieren, dass man sich auf Deutsch unterhält. Der Kontakt mit den Einheimischen fehlte, die Angst sich falsch auszudrücken, die Schwierigkeiten beim Lernen und Benutzen der Zweitsprache brachten viele Probleme.

Eine große Rolle spielten die Lehrer und der gute Unterricht. Ich hatte damit Glück – unser Lehrer hatte Geduld mit uns und erklärte den Stoff, wir übten den Wortschatz und die Grammatik: mit der Zeit kam uns die Sprache näher. Die Anderen hatten weniger Glück mit den Lehrern: im Unterricht wurde nur allgemein gesprochen, die Teilnehmer bekamen keinen systematischen Unterricht.

Mit der Zeit zogen die Familien aus dem Übergangswohnheim in die Wohnungen, und es entstand Kontakt mit den einheimischen Nachbarn. Der war aber nicht einfach: Zu verschieden waren die Dinge, die man im Leben schätzte. Die Einheimischen schienen verwirrt zu sein: Warum sprechen die neuen Nachbarn, die sich als Deutsche bezeichneten und deshalb nach Deutschland übersiedelten, kein Deutsch, und verständigten sich immer nur auf Russisch? Wer sind diese neuen Deutschen? Unsere Nachbarn und die ganze Bevölkerung zeigten wenig Interesse an der Geschichte der Aussiedler.

Wenig Hilfe kam seitens der neuen Heimat, dass wir uns schneller an die neue Lebenssituation anpassen. Die Aussiedler suchten selbst auch keine Kontakte mit den Deutschen, und eine Ursache war die mangelnde Sprachkenntnis.

Damals haben sich viele von uns auf den Familienwohlstand konzentriert. Die Erwachsenen lernten die Sprache von ihren Kindern, die die Schule besuchten. Die Hoffnung, dass es den Kindern anders und besser gehen wird, war groß. Unsere Leute hatten keine Angst Kredite aufzunehmen, um Häuser zu bauen. Das konnte man verstehen, weil viele drüben, in der verlassenen Heimat, eigene Häuser hatten. Das war die sogenannte Zeit der Parallelgesellschaft.

Wie könnte man diese Situation ändern? Gäbe es gemeinsame Interessen, die unabhängig von der Abstammung entstehen, wäre es auch möglich die Probleme gemeinsam zu lösen. Man müsste diese Möglichkeit finden.

Die Integration ist keine einfache Sache, und der Erfolg hängt ab von den gemeinsamen Bemühungen des Staates, der einheimischen Bevölkerung und der Motivation der Migranten. Mit der Zeit veränderte sich die Situation.

Es waren 20 Jahre vergangen, bis sich die Aussiedler in der Gesellschaft zu engagieren begannen. In Deggendorf war ein Anlass dazu die Ausstellung „Das Russlands-Deutsche Haus“. Es war im Februar 2010. Das städtische Museum, wo „das Haus“ aufgebaut wurde, lud ein. Man konnte eine Wohnstube mit typischer Einrichtung sehen, in den anderen Räumen gab es Information über die lange Geschichte der Russlanddeutschen. Sehr viele Besucher gab es in diesen Tagen im Museum. Es kamen die Aussiedler und die Einheimischen, viele von denen erfuhren erst damals, wie die Deutschen nach Russland ausgewandert waren, und nach vielen Jahren deren Abkömmlinge nach Deutschland wiederkamen – zurück in die historische Heimat.

Wir waren emotional auf dem Höhepunkt, nachdem wir Interesse an uns erlebten, und auf der Ausstellung als Hausherren und Gastgeber gesehen wurden. Die Aussiedler, die noch nicht so lange in Deutschland lebten und noch ganz schlecht Deutsch verstanden, fühlten sich wieder wie zuhause, weil sie überall die russische Sprache hörten. Wichtige Kontakte wurden geknüpft.

Als die Ausstellung vorüber war, wollten wir unsere Begegnungen weiterführen. Die Gründung eines Vereins, der durch interkulturelle Beziehungen und Veranstaltungen die Menschen näher bringen sollte, war die Lösung. Integration heißt ein Weg zueinander zu finden. Den Plänen der Aussiedler kam die evangelische Kirche von Deggendorf entgegen. Die Gemeinde unterstützte die Initiative des Interkulturellen Russlanddeutschen Vereins und im Oktober 2010 konnte der Verein im Evangelischen Gemeindehaus gegründet werden. Der Verein bekam den symbolischen Namen „Mostik“ – eine Brücke für die in Deutschland lebenden Menschen, die sich durch ihre Kultur einander bereichern.

Endlich konnten die Aussiedler ihren Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechend Aktivitäten wählen. Auf einmal kamen die eigene Wertschätzung und das Selbstwertgefühl zurück. Wir bekamen die Möglichkeit, etwas selbst zu entscheiden und am Leben der evangelischen Gemeinde, wie auch der Stadt teilzunehmen. Die ersten Sitzungen des Vereins, bei denen man die Kompetenzen der Mietglieder besprach und die ersten Schritten und die Richtung der Tätigkeiten bestimmte, waren sehr lebendig. Viele aus dem Kirchenvorstand der evangelischen Kirche und die Pfarrer Jürgen Pommer, Gottfried Rösch und Hans Greulich unterstützten uns sehr.

Der Verein „Mostik“ ist schon vier Jahre aktiv. Die Mietglieder sind Leute verschiedener Volks- und Altersgruppen, Aussiedler und Einheimische. Unser Verein ist sehr aktiv und nahm an vielen Veranstaltungen in der Stadt teil: Am jährlichen Kinderfest, am interkulturellen Kochkurs und am Fußball- und Drachenboot-Turnier. Aussiedler und Einheimische nahmen an den Weiterbildungskursen und Seminaren für ehrenamtliche Arbeit teil. Dieses Projekt wurde von der evangelischen Kirchengemeinde und der Diakonie Regensburg angeboten. Das Ziel des Projektes war die Aktivierung von bürgerschaftlichem Engagement. Die Aussiedler aus Deggendorf waren bei den evangelischen Kirchentagen in München, Dresden und Hamburg dabei, und beim „Evangelischen Niederbayerntag“. In diesen Jahren wurden Benefizkonzerte, Oster- und Weihnachtsmärkte organisiert. Den Erlös bekamen die evangelische Kirche in Odessa, oder auch Donum Vitae – die Beratungsstelle für Frauen in Notsituation.

Wir fanden den Kontakt mit Kindern aus Odessa und Moskau. Im Oktober 2014 erschien das Buch „Das Glück ist…“, in dem Kinder aus fünf verschieden Länder als Autoren mitwirkten.

Bemerkungswert ist unser Erwachsenen-Chor, der z.B. im Sommer 2014 auf der Donaugartenschau in Deggendorf auftrat, auch während der Russisch-Deutschen Woche, die der Mostik-Verein gestaltete. Der Chor wird als Bereicherung bei verschiedenen Anlässen und interkulturellen Abenden der Stadt bekannt. Eine tolle Tradition ist jetzt in Deggendorf die Jolka-Feier. Fast 300 Kinder und auch so viele Eltern kommen zu diesem musikalischen Wintermärchen. Die Gäste sind immer begeistert.

Das ist gar nicht die volle Liste der Veranstaltungen, die vom Verein „Mostik“ vorbereitet und durchgeführt werden. Es ist die Zeit gekommen, die man als Integrationshöhepunkt sehen kann. Die Sprache ist auf gutem Niveau, und die einheimische Bevölkerung interessiert sich für uns und unterstützt unsere Initiative. Wenn unser Verein „Mostik“ Schwierigkeiten mit der rechtlichen Seite empfindet, stehen uns jederzeit die evangelische Gemeinde und Herr Rösch, der auch Vorstandsmitglied des Vereins ist, mit Rat und Tat zur Verfügung. Herr Rösch ist immer da mit dem Rat, wenn diskutiert wird über die Tätigkeit des Vereins, aber die Initiative der Veranstaltungen liegt in den Händen aller Mitglieder des interkulturellen Vereins.

Ich fragte die Vorsitzende des Vereins, Katharina Bakaev, wie sie auf den Verein aufmerksam wurde, und was ihr die Kraft gab, die Rolle der Vorsitzenden zu übernehmen. Sie antwortete: “Ich fühlte ständig eine Leere, wegen Kontaktdefiziten, und Unzufriedenheit, weil ich nach der Einreise nach Deutschland meine eigenen Fähigkeiten nirgendwo realisieren konnte. Der Mut kam gleichzeitig mit dem Angebot, die Arbeit im Verein zu leiten.“ Da muss ich sagen, dass die Aussiedler sich oft unterschätzen, aber wenn man ihnen irgendwelche Aufgaben überträgt, machen sie alles sehr verlässlich.

Linda Folz, russisch-deutsche Kirchenvorsteherin, erzählt, wie sie zum Vereinsmitglied wurde: „Ich kam mit meiner Mutter in die evangelische Kirche. Die einheimischen Leute unterstützten unsere Familie. Ich wollte auch jemandem helfen, so trat ich dem Verein bei.“

„Ich empfinde große Freude, wenn ich mich unter Leuten befinde, und gemeinsam freie Zeit verbringe. Nach vielen Jahren habe ich kein Problem mit der Sprache. Die Kraft schöpfe ich aus dem Glauben“, so Julia Urlacher, ein weiteres Vorstandsmitglied.

Die Vereinsmitglieder sind freundlich zueinander, deshalb ist der Verein ein voller Erfolg. Mostik hat seinen Erfolg darin, Menschen in Kontakt zu bringen, und etwas zu bieten, dass man sich als ein Teil vom Ganzen sieht. Viele kommen auch zum Verein, um sich auf Russisch unterhalten zu können, und dabei Freude zu erleben. Ich möchte noch einmal betonen, dass dieser Erfolg nicht hätte sein können, wenn nicht zum richtigen Zeitpunkt die Unterstützung und das Verständnis der evangelischen Gemeinde in Deggendorf da gewesen wäre.

AUTOR: Natalia Schröder