Geleitwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

Sie haben vor sich Zeilen und Seiten, die mehr sind als Dokumentation einer Epoche der christlichen Kirche in Deutschland, sondern ein Beginn einer Herausforderung für die christliche Gemeinde in einer Migrationssituation.

Die Zuwanderung der Deutschen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion am Ende des letzten Jahrhunderts ist der Beginn einer großen Zuwanderung von Menschen, eindeutig mit dem Ziel, einen Daueraufenthalt hier zu begründen.

Diese Zuwanderung betraf die Evangelischen Kirchen in einem zahlenmäßigen Ausmaß, der nur von wenig wahrgenommen wurde und wird.

Sie sind zwar Gottesdienstbesucher, aber nicht Gemeinde, Integration hat nur selten stattgefunden. In einer Kirchengemeinde erklärt ein Großteil der Gemeindeältesten: „Wir erwarten eine Assimilation der Aussiedler, wenn die nicht dazu bereit sind, kann die Zusammenarbeit so nicht weitergehen.“ Hier werden Menschen, die formal und geschichtlich zusammengehören, ausgegrenzt. Es kommt dazu, weil sich hier unterschiedliche Kulturen begegnen, obwohl sie gemeinsame religiöse Wurzeln und eine gemeinsame religiöse Geschichte haben.

Beide suchen nach ihrer Identität. Über die Suche nach Identität der Russlanddeutschen ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden. Bereits in den 90er Jahren habe ich im „Brennpunkt Gemeinde“ folgendes und bis heute gültiges geschrieben: „Nicht nur die kulturelle Praxis, sondern auch die kulturelle Identität der Russlanddeutschen, ihr Selbstverständnis als Deutsche, wird durch die Migration in Frage gestellt: In Deutschland werden sie zu ‚Russen‘. Im Gegensatz zu anderen Zuwanderern, die sich fremd fühlen und sich als Fremde identifizieren können, verlieren Aussiedler damit einen Fixpunkt ihrer Identität“.1

Die Evangelischen Kirchen in Deutschland leiden unter dem Verlust, der bis vor einigen Jahrzenten gültigen Identität, nämlich eine der größten, gesellschaftsprägender Institutionen zu sein, zu mindestens in der alten Bundesrepublik. Aber auch in Mitteldeutschland haben die Evangelischen Kirchen mit ihrer Identitätsfrage eine besondere Herausforderung. Evangelische Kirchen, die am meisten zur „Friedlichen Revolution“ beigetragen haben, leiden unter Mitglieder- und Bedeutungsverlust.

Und da hinein kamen russlanddeutsche Christinnen und Christen, welche der Überzeugung sind, dass ihre Kultur der Frömmigkeit zur eigentlichen christlichen Identität gehört. Und dann sind Menschen, welche keine christliche Sozialisation mitbringen, aber die Hoffnung, bei der Kirche eine Hilfestellung zur Entdeckung und Stabilisierung ihrer Identität zu finden.

In einem Gespräch brachte es ein Russlanddeutscher, der seit Jahren dem Brüderrat der Brüdergemeinde und dem Presbyterium der Kirchengemeinde angehört, mit folgenden Worten auf den Punkt: „Die Mehrzahl der Pfarrer und Presbyter in den Kirchengemeinden wollen, dass wir, die Brüdergemeinde, uns bei ihnen assimilieren. Wir als Brüdergemeinde wollen, dass die Kirchengemeinde sich bei uns assimiliert. Und beide wollen sich nicht assimilieren, deswegen gibt es immer wieder Konflikte.“

Das vorliegende Buch stellt sich diesen Herausforderungen und macht an Hand von gelungenen Projekten deutlich, wie das miteinander gelingen kann, sich den aktuellen Herausforderungen für die christlichen Gemeinden zu stellen. Die Christen stehen vor der Herausforderung einer säkularen und multireligiösen Gesellschaft.

Monokulturelle Landes- und Freikirchen müssen sich zu interkulturellen Kirchen entwickeln, wollen sie nicht in die Bedeutungslosigkeit eines Nischendaseins versinken, und ihren Auftrag vernachlässigen.

Ich verbinde mit den Autoren der Beiträge den Wunsch „… dass die Kirchen der EKD Anteil nehmen an der Öffnung, die die deutsche Gesellschaft in vielen Bereichen schon lange relativ erfolgreich vollzogen hat.“

Reinhard Schott, Vorsitzender der Konferenz der Aussiedlerseelsorge der EKD

Speyer im Februar 2015

1 R. Schott, Studienbrief D18 – Diakonie im Brennpunkt Gemeinde.

 

AUTOR: Reinhard Schott